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Ein Spaziergang an einem wunderschönen Morgen

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Die Klasse 1B der Neuen Kantonschule, unter ihnen sie, besichtigte das Aarauer Kunsthaus mit einer Museumspädagogin. Alle standen in einem Raum, rund um sie herum hingen Bilder an der Wand. Diese Bilder hatten alle einen ähnlichen Inhalt, nämlich Landschaften, doch jedes hatte seine Besonderheiten. Ihr fiel aber nur ein Bild im Raum auf. Es sprach sie an und verleitete sie zu einer Art Tagtraum. Ich stehe im Bild, auf einer Wiese, mit vielen verschieden farbigen Blumen. Auf meinem Spaziergang an diesem Morgen habe ich schon viel gesehen. Doch dieser Platz ist für mich so schön, dass ich einen Moment inne halten muss. Es tut gut, diese Stille zu geniessen in dem sonst so gestressten Alltagsleben. Auf meiner rechten Seite sehe ich drei grosse und zwei kleine junge Birken. Ihre Äste fallen mit einer solcher Leichtigkeit herunter, dass sie sanft mit einer leichten Brise, die ich spüre, hin und her wehen. Auf dem Weg neben mir sind auch noch andere Bäume zu sehen. Zum Beispiel steht auf der linken Seite eine mächtige Buche. Sie hat einen dicken, knorrigen Stamm und viele, zum Teil grosse Äste und Zweige. Was sie wohl alles für Geschichten über diesen Platz erzählen könnte? Der Weg ist kaum noch zu sehen. Man sieht nur noch einen schmalen Streifen brauner Erde, der manchmal ein bisschen breiter wird. An vielen Stellen sind schon wieder Gräser und Blumen darüber gewachsen. An welchen Ort der Weg wohl führt? Am Ende des Hügels ist ein schmaler Streifen Blau zu sehen. Was das wohl sein mag? Ganz klar, blau bedeutet Wasser und Wasser bedeutet für mich Leben. Wahrscheinlich ist es ein See oder ein Fluss. Das feine Glitzern des Wassers fasziniert mich und es zieht mich an, weil es mich zu einem erfrischenden Bad lockt. Vielleicht werde ich auf meinem weiteren Spaziergang noch daran vorbeikommen, denn ich bin mir sicher: der Weg führt zu diesem Blau. Bevor ich aber weiter gehe, beschliesse ich, noch eine Weile die Stille zu geniessen. Ich höre leises Rascheln der Blätter, der Büsche und Bäume. Es wirkt beruhigend auf mich. Die noch etwas schwache Sonne des Frühjahres wärmt mir sanft den Rücken. Die Blumen strecken ihr ihre farbigen Köpfe entgegen. Die Bienen sind schon wieder fleissig bei der Arbeit. Summend fliegen sie von Blüte zu Blüte. Auch ein kleiner Marienkäfer sitzt auf einem der vielen Gräser und gerade hüpft eine Heuschrecke auf den Stiel einer Blume. Alles glitzert im Sonnenlicht, weil die Wiese, Bäume und Blumen vom morgendlichen Tau noch nass sind. Die dicken schwarzen Wolken am Himmel verraten mir aber, dass bald ein Unwetter vorbeiziehen wird. Noch ist alles rein hier. Man fühlt sich leicht und frei. Auch ist zur Zeit alles noch in Ordnung, in meinem Leben sowie auf diesem Platz herrscht Ruhe. Aber genau wie das herannahende Unwetter ist die Welt unberechenbar. Wie schlimm werden wohl das Unwetter, meine Probleme, Sorgen und Verpflichtungen sein, wenn ich wieder von hier fort bin? Eine leise Furcht steigt in mir auf. Spüren die Pflanzen und Tiere wohl auch, dass eine Bedrohung naht? Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie schnell die Zeit vergangen ist. Da die Welt der Verpflichtungen natürlich nicht verschwunden war, sagte ihr der Blick auf die Uhr, dass sie schleunigst aufzubrechen hatte. Als sie diesen wunderschönen Platz verliess und ihren Spaziergang fortsetze, kam sie jä zurück in die Realität und stand wieder vor dem Bild. „ Ja, bis die ganze Welt einen solchen Einklang ist wie auf dem Bild, wird es wohl noch eine Weile dauern“, schoss es ihr unter einem Seufzen durch den Kopf. Doch schon rief sie die Museumspädagogin zu einem anderen Bild hin und viele andere, neue Eindrücke warteten auf sie.