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Das Kinderbegräbnis

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

Das grosse Ölgemälde in einer Ecke des Kunsthauses Aarau zeigt eine Begräbniszeremonie. Der Betrachter sieht im Zentrum ein kahles Erdloch und gleich dahinter einen Hügel ausgehobener Erde. Um das ausgehobene Grab herum gruppiert sich eine bäuerliche Trauergemeinde, welche streng aufgeteilt ist: links stehen die Frauen, hinter dem Grab ein singender Kinderchor und rechts die Männer. Nur schon anhand dieser Stehordnung bemerkt man, dass dieses Bild eine andere Zeitepoche darstellt.

Das ganze Bild ist, wohl um dem ernsten Szenario gerecht zu werden, in dunklen Pastelltönen gehalten. Die Frauen stehen in einem Schatten, den die dahinter liegende Kirche wirft. Unterstrichen wird die Dunkelheit des Schattens zusätzlich noch durch die Kleidung der Frauen, die ausschliesslich schwarzer Farbe ist. Eine Frau hebt sich von den übrigen Frauen dadurch hervor, dass sie ein blütenweisses Taschentuch gegen ihr Gesicht presst. Es ist offenbar die Mutter des verstorbenen Kindes. An ihre rechte Schulter gelehnt, weint ein junges Mädchen, auch sie hält ein Taschentuch in der Hand, das jedoch nicht weiter auffällt. Die Mutter hat einen Arm um das Mädchen gelegt und in dieser schutzsuchenden Haltung verharrend, suchen die beiden Frauen Trost. Ein kleiner Junge klammert sich an den Rock der Mutter und schaut offenen Mundes zur Trauernden hinauf. Er scheint gar nicht zu begreifen, was vor sich geht, ist sich aber bewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.

Rechterhand dieser Dreiergruppe steht ein ungeschlachter hölzerner Schubkarren, auf welchem der kleine Totenschrein ruht. Dieser ist von einem brauen Tuch bedeckt und mit Kränzen und weissen Blumen beschmückt. Hinter Sarg und Grab befindet sich der Kinderchor, dirigiert von einem Mann, der sich seinerseits ganz auf die Notenblätter konzentriert. Der Kinderchor steht in der Mitte des Bildes, die farbigen Kleider der Mädchen erhellen das Bild und haben etwas Tröstliches an sich. Auch bei diesen Kindern wird nicht auf die gestrenge Teilung der Geschlechter verzichtet- die Mädchen stehen vorne und die Knaben haben ihren Platz hinten auf der rechten Seite. Der Zeit entsprechend haben die Mädchen Röcke mit Schürzen an, die Haare zusammengebunden und teilweise mit Hauben bedeckt. Die Knaben erscheinen im Anzug und weissen Hemden.

In der ersten Reihe des Chores steht in der Mitte ein engelsgleiches Mädchen, gekleidet in ein weisses Kleid. In den Händen hält es ein Gesangsbuch, es hat den Kopf zur Seite geneigt und schaut mit traurigen Augen in die Richtung, in welcher sich der Chorleiter befindet. Rechts von ihr steht ein kleines Mädchen, das ein rosafarbenes Kleid mit gelber Schürze trägt. Es hat sich die Hand an die Brust gelegt und schaut in die dunkle Grube hinab. In diesen Anblick versunken hat es scheinbar ganz vergessen weiter zu singen. Links aussen steht ein Mädchen, das seine Schürze in den Händen zerknüllt, während es ernsthaft singt. Hinter diesen Mädchen stehen fünf weitere, die sich zusammen ein Gesangsbuch teilen. Vor den Knaben steht einer, der die Hand wie zum Segen erhoben hat. Die Geste erinnert einen an ein Heiligenbild, schaut man jedoch in das unschuldige junge Gesicht, so bemerkt man einen Gegensatz.

Hinter dem Chor steht ein junger Mann, der, von Schmerz überwältigt, mit der Hand sein Gesicht bedeckt. Es könnte der Vater des Kindes sein. Die anderen Männer stehen ernst und gefasst auf ihrer Seite, das Licht, welches die Kinder ausstrahlen, erreicht sie nicht. Vor einigen jüngeren Männern steht im Vordergrund ein älterer Herr, die Hände hat er zusammengelegt, den Kopf gesenkt. Wie auch das kleine Mädchen vom Chor ist er in den erschreckenden Anblick des Grabes vertieft. Neben ihm stehen zwei abgerissene, schmutzige kleine Kinder, die bei den grossen gepflegten Männern etwas fehl am Platz sind. Barfüssig stehen sie beim Grab, das eine hat den Kopf gesenkt, während das Andere ihm in einer vertrauten Geste die Hand auf die Schulter gelegt hat und ihm über selbige schaut.

Gross und eindrucksvoll steht am rechten Rand des eckigen Loches ein Mann in weissem Hemd und brauner Weste, der sich auf eine Schaufel stützt. Bald schon wird er das Grab zuschaufeln und ein junges Leben für immer der Erde zurückgeben. Vor dem Loch liegen ein Seil, eine Leiter und ein Spaten auf der niedergetrampelten Wiese. Sie geben dem Bild eine unordentliche Note, obwohl man sie beim ersten Betrachten nicht wirklich wahrnimmt. Das Seil wird wohl dazu da sein, den Sarg ins Grab hinunter zu lassen. Anker hat es an dieser zentralen Stelle gemalt, um die Tragik des Geschehens noch zu verdeutlichen.

Hinter der ganzen Beerdigungsszene liegt der Friedhof. Er hat das Aussehen eines normalen Parks, wären da nur nicht die Kreuze und Grabsteine entlang der Friedhofsmauer. In der Mitte der Mauer befindet sich ein Tor, links davon zwei Trauerweiden, welche die weiss getünchte Kirche hervorheben. Auf der rechten Seite des Tores oberhalb der Mauer schauen die Dächer des Dorfes hervor, im Tor selber stehen zwei Kinder. Unklar ist, ob sie nicht am Begräbnis teilnehmen dürfen, oder ob sie sich nicht getrauen, näher zu kommen. In der rechten oberen Ecke des Bildes sieht man ein Stück blauen, bewölkten Himmels.

1863, zur der Zeit, als dieses Bild entstand, war der Tod noch nicht so tabuisiert, wie er es heute ist. Oft kam es vor, dass man einen geliebten Menschen begraben musste und somit natürlich auch Kinder. In den bäuerlichen Gegenden, wie dies eine auf dem Bild ist, zog der Kindstod oft umher. Selbstverständlich waren die Menschen trotzdem sehr traurig, man denke an die Mutter auf beschriebenem Bild. Ich finde das Bild deshalb so eindrucksvoll, weil man Menschen in ihren tiefsten Empfindungen sieht. Da sind kleine Kinder, die singen und nahe zusammenrücken, als würden sie sich Kraft geben; Männer, die stark sein müssen und völlig erstarrt dastehen; Frauen, die sich in tiefer Trauer aneinanderklammern und weinen, und Kinder, die so klein sind, dass sie das ganze Drama, das sich um sie herum abspielt, gar nicht begreifen. Von allen Trauernden haben es die Männer am schwierigsten. Die Rollenverteilung dieser Zeit war noch ganz anders. Sie sind die Starken und sollten nicht weinen wie die ‚schwachen’ Frauen, doch sie sind genauso traurig. Das ist bestimmt auch der Grund, weshalb die Männer auf dem Bild so streng schauen. Albert Anker hat dieses Bild gemalt, als er sich von der Theologie abwandte um sich der Kunst zu widmen. Auffallend ist, dass sich kein Pfarrer auf dem Bild befindet und auch keine Person der Trauerschar einen Geistlichen zu vermissen scheint. Anker demonstrierte damit, dass auch ein Maler mit seinen Bildfindungen die Rolle der Tröstung und der Sinnstiftung zu übernehmen vermag.

Quellen

- Albert Anker Berner Kunstmuseum Verlag Berner Kunstmuseum

- Anker Fondation Pierre Gianadda

- http://www.musee-imaginaire.de/ausstell/bilder/anker1/text01.htm