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-- RamonaBaumann - 29 Jun 2004 Albert Anker. Das Kinderbegräbnis 1863

Bildbeschreibung

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

Das Bild zeigt einen Friedhof, auf dem gerade ein Begräbnis stattfindet. Der ganze Friedhof wird von einer hohen mit Unkraut überwachsenen Steinmauer umgeben, entlang derer einzelne Grab-steine und Kreuze aufgestellt wurden. Hinter der Mauer schauen steile, rote Hausdächer mit Kaminen hervor, zwischen denen grüne Bäume wachsen. Ein schmaler Weg führt vom Friedhofseingang zu einer Kirche, von der auf dem Bild nur ein Teil dargestellt ist. Neben der Kirche schützt eine grosse alte Trauerweide viele kleine darunterliegende Büsche und Sträucher und einen einsamen Grabstein. Unter dem roten Dach des Friedhofeingangs schauen zwei kleine Kinder neugierig auf die Gruppe von Leuten, die sich um das frisch ausgehobene Loch in der Erde versammelt hat und dem Lied, das der Schülerchor in der Mitte des Bildes angestimmt hat, lauscht. Der Himmel ist strahlend blau und wird nur von ein paar Wolken durchzogen. Trotzdem herrscht im Friedhof eine traurige Stimmung. Das ausgehobene Grab ist gerade mal gross genug für einen kleinen Menschen. Jeder, der den Namen des Bildes nicht kennt, kann so daraus schliessen, dass es sich bei dieser Darstellung um das Begräbnis eines Kindes handelt. Hinter der Grube steht die singende Kindergruppe. In den vordersten beiden Reihen stehen die Mädchen, in den hinteren die Jungen. Einige richten den Blick auf den den Dirigentenstab schwingenden Mann, der vor ihnen steht und das Blatt in seiner Hand anschaut. Die Jungen tragen Hosen und Jacken in den damals üblichen bräunlich, grünlichen Farbtönen und scheinen fast alle zu singen. Die meisten Mädchen tragen Röcke in den selben Farben wie die Jungen und ein paar haben sich Kopftücher umgebunden. Jedoch gibt es drei Mädchen, die farbenfrohe Röcke tragen und so das einzige Licht in dem ansonsten düsteren Gemälde bilden. Das eine Mädchen ist blondhaarig, steht in der zweiten Reihe hinter den anderen beiden und trägt ein blutrotes Kleid mit einer rosa Schürze. Sie blickt mit drei anderen Mädchen auf das Buch in ihrer Hand und scheint in Gedanken versunken zu singen. Das zweite Mädchen steht direkt vor dem ersten und ist ein wenig kleiner. Es trägt einen rosafarbenen Rock mit einer gelben Schürze. Ihr braunes Haar wird halb von einer blauen Haube verdeckt. Die linke Hand hat sie auf die Brust gelegt. Sie singt nicht, sondern blickt nach rechts direkt in das Grab hinein. Rechts von ihr, genau in der Mitte des Bildes, steht ein engelgleiches Mädchen. Sie ist grösser als alle anderen. Über ihren blonden Haaren liegt ein schwarzes Netzchen. Sie trägt ein blütenweisses Kleid mit einem Spitzenkragen. Auch sie hat ein Buch in der Hand und singt. Ihr Kopf ist ein wenig nach rechts geneigt und ihre Augen blicken in Trauer und Erinnerungen versunken geradeaus. Links der Kinder hat sich eine Gruppe Frauen versammelt. Im Gegensatz zu den Kindern sind alle schwarz gekleidet. Zwei junge Frauen halten einander an den Händen und versuchen sich gegenseitig zu trösten. Vor ihnen hat eine andere Frau ihr Gesicht in einem weissen Taschentuch verborgen. Sie hält ein etwa 13 Jahre altes Mädchen, das an ihrer Schulter weint, im Arm. Ein kleiner Junge hält sich an ihrem Rock fest und blickt zu ihr auf. Neben den dreien ist der Sarg auf einer Schubkarre aufgebahrt. Er ist von einem beigefarbenen Tuch, auf das ein Spruch gestickt ist, verdeckt, und ist mit weissen Blumen und Kränzen geschmückt. Rechts der Kinderschar steht eine Gruppe von Männern mittleren Alters. Alle sind mit einem schwarzen Anzug gekleidet und haben ihre Zylinder gezogen. Jeder schaut in eine andere Richtung. Sie machen einen strengen Eindruck, wie wenn sie das momentane Geschehen gar nicht berühren würde. Eine Ausnahme bildet allerdings der Mann, der abseits der Gruppe hinter den singenden Jungen steht. Auch er ist schwarz gekleidet, hat jedoch sein Gesicht in der rechten Hand verborgen. Es ist nicht möglich sein Alter zu schätzen, jedoch erweckt er den Eindruck eines jungen Knaben, der trauert. Vor der Gruppe steht ein ältlicher Mann mit weissen Haaren. Seine Haltung drückt Trauer aus. Er hat die Hände aufeinandergelegt und blickt zu Boden. Zwei kleine Kinder, ein Mädchen und ein Junge stehen vor ihm. Beide sind barfuss und reichen dem Mann gerade bis zum Gürtel. Das Mädchen hat dem Jungen ihre linke Hand auf die Schulter gelegt und schaut an ihm vorbei auf das Grab. Der Junge hat seine Arme hinter dem Rücken verschränkt und lässt den Kopf hängen. Etwas abseits von ihnen, direkt am Fusse des Grabes steht ein ebenfalls ältlicher Mann mit grauen Haaren, der sich auf eine Schaufel stützt und mit leerem Blick das Loch fixiert. Seine Aufgabe wird es sein, den grossen ausgehobenen Erdhügel in die Grube zurückzuschaufeln und das tote Kind für immer verschwinden zu lassen.

Persönliche Aspekte

Begräbnisbilder dieser Art existieren nicht viele, da alltägliche Bestattungen als nicht darstellungswürdig galten. Solche Bilder waren vornehmlich nur dem Tod berühmter Persönlichkeiten und Staatsereignissen gewidmet. Anker hat sich dagegen sehr mit dem Tod beschäftigt und das Thema in sein künstlerisches Schaffen aufgenommen. Ein solches Bild ist 1862 entstanden, also ein Jahr vor dem „Kinderbegräbnis“. Es heisst „Die kleine Freundin“ und stellt ein dunkles Zimmer dar, in dem in einem weiss bezogenen Bett ein totes Mädchen liegt. Darum herum haben sich ihre Schulkameraden versammelt. Ein Mädchen steht direkt neben dem Bett und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Obwohl man ihr Gesicht nicht sehen kann, ähnelt sie in gewisser Hinsicht dem genau in der Mitte des ‚Kinderbegräbnis` stehenden Mädchen. Es wäre möglich, dass das „Kinderbegräbnis“ eine Art Fortsetzungsgeschichte der „kleinen Freundin“ darstellt. Das tote Mädchen wird beerdigt und ihre Freundin will sich nun beim Begräbnis für immer von ihr verabschieden. Wahrscheinlich trägt sie deshalb ein von Anker gemaltes, weisses Kleid; um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und um zu zeigen, dass zwischen ihr und der Toten eine Verbindung existiert. Das „Kinderbegräbnis“ gewährt auch einen Einblick in die damaligen Bräuche. Zum Beispiel war es üblich, dass ein Schülerchor den Leichenzug begleitete. Für diese Kinder waren Geburt und Tod nichts Fremdes. Der Tod wurde nicht wie heute tabuisiert, sondern als ein Teil des Lebens betrachtet, von dem die Kinder nicht ferngehalten wurden. Die Kinder auf Ankers „Kinderbegräbnis“ tragen im Gegensatz zu den Erwachsenen alltägliche Kleidung in braun, grau, grün und blau. Das lässt darauf schliessen, dass die Eltern zu der Zeit noch kein Geld hatten, um den Kindern schwarze Kleidung zu kaufen. Viele hielten es wahrscheinlich auch gar nicht für nötig, ihre Kinder für ein Begräbnis schwarz anzuziehen, da sie nur dem Chor und nicht der Trauerfamilie angehörten. Eine wichtige Rolle spielen die exponierter stehenden und tiefer trauernden Personen im Vordergrund des Bildes. Es dürfte sich dabei um die Eltern und Geschwister des verstorbenen Kindes handeln. Es ist erstaunlich, wie Anker auf die Details geachtet hat. So hat er zum Beispiel beim „Kinderbegräbnis“ neben dem Grab ein Seil, eine Leiter und einen Spaten dargestellt, mit welchen der Sarg nach der Predigt in der Erde versenkt wurde. Mich erinnert das Bild an ein persönliches Erlebnis. Ich kannte einmal ein vierjähriges Mädchen, das vor einem Jahr in einem Teich in der Nähe unseres Quartiers ertrunken ist. Bei dem anschliessenden Begräbnis war ich nicht dabei, jedoch hat sich wieder einmal gezeigt, dass der Tod jede und jeden treffen kann. Man kann um die verstorbene Person trauern, jedoch wird sie nie wieder zurückkommen. Das Bestmögliche, was man nach einem solchen Ereignis machen kann, ist, grosses Einfühlungsvermögen und Zeit für die Hinterbliebenen zu investieren, ihnen die Türen zu öffnen und sich nicht zu verkriechen, auch wenn das Überwindung und Mut braucht. Vor dem Tod ist auch in jungen Jahren niemand sicher.

Quellen http://www.musee-imaginaire.de/ausstell/bilder/anker1/text01.htm http://www.musee-imaginaire.de/ausstell/bilder/anker1/text02.htm http://www.musee-imaginaire.de/ausstell/bilder/anker1/text05.htm