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Lukas Weber: Arnold Böcklin, Ruine am Meer, 1880

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Die Burg am Meer

Eine Felszunge schiebt sich in die See, spärlich bewachsen mit Buschwerk und Flechten. Auf dieser Felszunge findet man die Mauerreste einer einst stattlichen Burg. Eine Burg, die einmal das Zentrum eines mächtigen Reiches gewesen war. Diese Burg ist heute nur noch eine schaurig-schöne Ruine, über der Möwen ihre Runden ziehen. In der Mitte der Burg stehen zwei mächtige Tannen, deren Kronen hoch in den Himmel ragen. Neben diesen Tannen befindet sich ein alter Ziehbrunnen. Wenn man in die Tiefe dieses Brunnens schaut, erkennt man auf dem Grund eine zierliche Halskette, welche noch golden leuchtet. Man sieht auch, dass die Kette mit wertvollen Steinen besetzt ist und einst einer wohlhabenden Frau gehört haben muss. Diese Kette erinnert an die Geschehnisse vor mehreren hundert Jahren, als das Ende der Burg bevorstand.

Damals hatte Lionius, ein Kriegsherr aus dem hohen Norden, mit seiner Armee schon beinahe das ganze Königreich erobert, ja quasi überrannt, und er stand vor den Toren der Burg, der letzten Zuflucht der Menschen. Der Feind hatte eine gewaltige Übermacht, es schien wie ein Kampf David gegen Goliath. Deshalb erwarteten die Leute auf der Burg die Ankunft der feindlichen Armee mit grosser Furcht.

Auf der Burg lebte auch Casiopaia, eine schöne, junge und wohlhabende Dame. Sie war im sechsten Monat schwanger. Ihr Mann war in einer Schlacht mit Lionius’ Armee gefallen. Das einzige, was ihr von ihm neben dem Kind geblieben war, war eine goldene, mit Edelsteinen besetzte Halskette, die sie von ihm zur Hochzeit bekommen hatte. Sie bedeutet ihr sehr viel. Ja, jedes Mal, wenn sie die Kette in die Hand nahm und an ihren Mann dachte, konnte sie einige Tränen nicht zurückhalten. Casiopaia fürchtete sich vor der feindlichen Armee. Ihre Angst galt jedoch weniger ihrem Leben, sondern viel mehr dem ihres ungeborenen Kindes. Diese Leben wollte sie auf jeden Fall retten, das wäre auch der grösste Wunsch ihres Mannes, dachte sie. Sie bezweifelte jedoch, dass die Burg ihr und ihrem Kind genügend Schutz bieten würde. Lionius’ Armee hatte bis jetzt jede Burg eingenommen.

Bald war es soweit. Die Erde begann unter dem Getrampel der Reiterei zu beben. Eine riesige Staubwolke erhob sich am Horizont. Es schienen Hunderte, nein Hunderttausende zu sein, die sich der Stadt näherten. Die Schwertspitzen glänzten in der Sonne, so dass man richtiggehend geblendet wurde. Auf halber Sichtweite machte der Feind halt. Er schien dort ein Lager zu errichten, der Angriff stand also noch nicht unmittelbar bevor.

Obwohl es schon spät war, konnte Casiopaia nicht schlafen. Sie musste mehrere Male erbrechen, und auch sonst hatte sie ein ungutes Gefühl. Sie glaubte, dass sich irgendetwas anbahnte. Sie fühlte, dass sie sterben würde, wenn sie hier auf der Burg bleiben würde. Daher wollte sie im Schutz der Dunkelheit fliehen und sich und ihr Kind in Sicherheit bringen. Sie ging in den Hof, um zu sehen, ob sie sich irgendwo mit einem Laken von der Burgmauer abseilen könnte. Auf den Zehenspitzen schlich sie die Treppe zu den Burgzinnen hoch. Doch sie wurde von einer Wache entdeckt und schroff wieder nach unten kommandiert. Dies sei kein geeigneter Ort für eine schwangere Frau, und schon gar nicht bei dieser Lage, hiess es. Und eigentlich hatte die Wache ja Recht. Sie hätte ohne weiteres abstürzen können, das Laken war ziemlich dünn und nicht besonders reissfest. So musste Casiopaia wieder in ihre Gemächer zurückkehren, wo sie dann doch die Müdigkeit überkam.

Am frühen Morgen hörte man plötzlich ein Zischen in der Luft und gleich darauf einen schrecklichen Knall. Casiopaia war sofort hellwach. Sie stand auf, um zu sehen, was passiert sei. Im Hof hatte sich schon eine Menschenmenge versammelt. Casiopaia drängte sich durch die Menge nach vorne und jetzt sah sie, was sich ereignet hatte: Ein Katapultschuss hatte einen Burgteil getroffen und zum Einsturz gebracht. Die Menge starrte noch benommen auf die Trümmer, als man plötzlich ein weiteres, nein, viele weitere Zischen hörte. Ein Pfeilhagel fiel über die Burg hinein. Viele, welche zuvor noch auf dem Hof gestanden hatten, sanken getroffen zu Boden. Zugleich zersprang das Festungstor durch einen Rammbock, alle Wachen hatten wegen dem Gebäudeeinsturz leichtsinnig ihre Posten verlassen, und niemand hatte das Herannahen der Feinde bemerkt. Eine unaufhaltsame Horde schwer gepanzerter Ritter raste in den Hof. Die Menschen schrieen, rannten schutzsuchend in die Gebäude. Casiopaia eilte, so schnell sie ihre schwachen Beine tragen konnten, in Richtung des schutzbringenden Bergfrieds. Im Gedränge verfingen sich jedoch ihre Füsse in ihrem zu langen Nachtrock und sie fiel neben dem Ziehbrunnen in der Mitte des Hofes hin. Mit letzter Kraft zog sie sich hoch, stöhnte im Angesicht des Todes: “Dies erlangt ihr nicht!“ und warf ihre Kette in den Brunnen. Dann traf sie das Schwert eines Ritters.

Einige Tage später sah man noch den letzten Rauch aus der abgebrannten Burg aufsteigen. Der Kampf war vorbei. Langsam eroberte die Natur die Burg zurück, Moose und andere Pflanzen überwucherten die Ruinen. Der Ziehbrunnen ist jedoch noch fast im ursprünglichen Zustand. Und wenn man tief in den Brunnen schaut und der Wind gespenstisch durch die Tannen pfeift, könnte man glauben, die junge Casiopaia ihre letzten Worte stöhnen zu hören ….

Feedback von FlorianLier

Es lebe Casiopaia das Sternenbild smile