DANIELLE BERTHET // ARNOLD BÖCKLIN // Ruine am Meer


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Genau hier ist er, mein Platz. Mein Zuhause, meine Welt, geschützt und abgeschottet von allem. Den Rücken angelehnt an die eiskalte Steinmauer. Alt ist sie, sehr alt. Massiv. Sie war schon immer hier. Einige Steine stehen vor, andere treten zurück. Einer trifft genau auf meine Wirbelsäule, ich kann seine spitze Oberfläche auf meiner Haut spüren. Später wird die Stelle, wo dieser kalte Stein meine Haut stiess, zu sehen sein. Ich geniesse die Nähe zu ihm, er ist ein Teil von mir, wie alles andere hier auch. Wenn es mich stören würde, könnte ich ein paar Zentimeter nach rechts rutschen. Das würde aber bedeuten, dass ich nicht mehr auf diesem weichen Flecken Moos, der einzigartig auf meiner Insel ist, sitzen könnte. Meine Insel! Ob sie gross ist oder klein? Niemand weiss das, und niemand wird es je erfahren, um keinen Preis! Meine Oberschenkel sind auf dem Moos gebettet, die Unterschenkel baumeln in der Luft. Nicht irgendwo, sondern genau über dem Wasser. Das Meer, das rauschende, schäumende, bewegte. Wellen treffen über meinem rechten Fuss auf die Klippe, bevor sie etwas weiter links immer wieder auf schmale, sandige Ufer treffen und dort unablässig weissen Schaum als Zeichen der Rückkehr hinterlassen. Ich verlasse mich auf dieses stetige Wiedersehen. Sonst kommt ja niemand.

Heute Nacht rüttelt der Wind das Meer auf. Weckt es. Nirgends ist es ruhig. Es wankt, schwankt, schaukelt. Tost, rauscht, platscht. Salz hängt in der Luft, brennt in meinen Augen, wenn es der Wind hineinweht. Ich blinzle. Überall Tröpfchen, alles wird feucht. Mir ist kalt. Am Horizont trifft das aufgewühlte Meer auf einen erbosten Himmel. Dichte Wolkenlinien, grau, schwarz, drohend hängen sie über dem Wasser, mir, der Insel. Bringen sie Regen? Nein, da sehe ich schwach erhellte Risse in der Wolkendecke, die irgendwo weit hinten den Mond erahnen lassen. Warte! Nun - es riecht nicht nach Regen. Nur nach Salz und Feuchtigkeit, nach Ruche und Nacht, nach Stille und Mondlicht, nach Zweigen, die sich im starken Wind beugen und dehnen, abzubrechen drohen. Nach Blättern, die in der Luft rascheln, rauschen, sich etwas zuflüstern. Ich will das Wasser nicht mehr sehen. Es beunruhigt mich. So schliesse ich die Augen, lasse den Kopf langsam nach hinten gleiten, bis er auf die steinerne Mauer trifft. Meine feuchten Haare beginnen, am eiskalten Stein zu kleben. Tröpfchen benetzen mein Gesicht, den Nacken, wandern meinen Rücken hinab. So höre doch! Plötzlich wird der sausend brausende Wind übertönt. Von Kreischen und Krächzen, von Gesang und Rufen. Es sind bestimmt die Raben! Ihre Stimmen erfüllen die Luft. Nicht markerschütternd, sondern angenehm. Sie tönen glücklich, zufrieden. Die Augen geöffnet, entdecke sie schnell. Einige von ihnen thronen auf der obersten Mauer der Ruine. Sie erscheinen als eine schwarze, lange Linie, die hier und da eine Lücke aufweist, an anderen Stellen hell erglänzt durch das Reflektieren des spärlichen Mondlichts auf ihrem Gefieder. Andere sind heute als Segler unterwegs. Einzeln oder in gewaltigen Gruppen schweben sie lautlos über allem, treiben ihr Spiel mit dem rüttelnden Wind, gleiten hoch und lassen sich fallen. Tief über der Insel stehen sie dann in der Luft, ihre Schwingen weit ausgebreitet, bis sie plötzlich von einer neuen Böe erfasst werden, die sie endlos weit in den Himmel hinauf trägt. Ich folge ihnen mit den Augen, bis sie in der Dunkelheit aus meinem Blickfeld verschwinden, sich gänzlich den Farben der Nacht anpassen und durchsichtig werden. Auch ich möchte mich in die Lüfte emporheben.

Dieser kleine Stein schmerzt mich jetzt. Bohrt sich in meinen Rücken. So stehe ich auf, stelle mich hin. Sie beobachten mich. Ich flüstere ihnen zu: „Mir ist heiss!“ Der Wind scheint noch heftiger zu werden, wirbelt mein Haar durcheinander, zerrt an meiner Kleidung. Mit ihm beginne ich mich zu drehen, in einem Strudel. Wie er. Schaukle, wanke wie das Wasser, schliesse die Augen, so dass es rabenschwarze Nacht um mich wird. Schneller, immer schneller, bis ich fliege. Unsichtbar werde. Ein winziges Tröpfchen. Von einer neuen starken Böe erfasst hochgleite und schwebe. Und dann lasse ich mich fallen. Liege am Boden. Was ist geschehen? Es rauscht und bläst in meinen Ohren. Genau hier.