Alexandra Brukner // Arnold Böcklin // Ruine am Meer // 1880

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

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Schatten über dem Glück

Der lange Flur ist nur schwach erleuchtet und das Bild, das an der entferntesten Mauer hängt, wirkt bei dieser schummrigen Beleuchtung noch düsterer. Langsam läuft der Hausherr, ein älterer Mann, den Korridor entlang dem Bild entgegen. Als er am Bild vorbei um die Ecke gehen will, hellt ein Blitz die Dunkelheit der stürmischen Nacht auf. Der Mann betrachtet nun das Bild, das diese Burg zeigt, als sie noch eine Ruine war. Auch auf dem Bild tobt ein Sturm und die Wellen schlagen tosend gegen den Felsen. „Genau wie in dieser Nacht“, denkt der Hausherr. Als er weitergehen will, erhellt ein weiterer Blitz die Nacht. In diesem Moment ertönt ein Schrei. Der Mann dreht sich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist, und erbleicht. Mit den Worten „der Fluch, der Fluch“ geht er auf die Knie und Donner zerreisst die Stille.

Einige Jahrzehnte später spazierte ein junges Ehepaar durch einen Flohmarkt im Norden Englands. Die junge Frau namens Charleen blieb vor einem Stand mit Bildern stehen. Sie rief ihren Mann William und überredete ihn, das Bild mit der düsteren, von schwarzen Vögeln umkreisten Ruine zu kaufen. Die Verkäuferin warnte jedoch vor dem Fluch. „Welcher Fluch?“, hakte Charleen nach. „Nun, man sagt, dass jeder, der dieses Bild in seinem Haus aufbewahrte, bald danach gestorben sei.“ Charleen glaubte nicht an Flüche und anderen solchen Firlefanz, wie sie es nannte, und schlug die Warnung in den Wind. Sie kauften das Bild und bald hing es an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand des ersten Treppenabsatzes. Die beiden betrachteten ihre Errungenschaft glücklich.

Doch ihr Glück war nur von kurzer Dauer. Charleen wusste nicht mehr, wann es angefangen hatte. Aber irgendeinmal begann sie sich vor diesem Bild zu fürchten und wenn sie es dann nur ansah, überlief sie ein Schauer. Acht Wochen nach dem Kauf begannen sich William und Charleen zu streiten. Nach einem heftigen Streit verliess William das Haus, um eine Spazierfahrt mit dem Auto zu machen und nachzudenken. Er war noch keine fünf Minuten unterwegs, als ein entgegenkommender Laster auf seine Fahrbahn geriet. William versuchte auszuweichen und fuhr gegen einen Baum. Auf dem Weg ins Krankenhaus war er bewusstlos, murmelte aber immer wieder „der Fluch“. Schliesslich fiel er ins Koma.

Charleen versuchte seit Williams Unfall herauszufinden, wer der Vorbesitzer des Bildes war und was es mit dem Fluch auf sich hatte. Sie machte den Vorbesitzer, einen gewissen Lord Norrington, ausfindig. Sie entdeckte auch, dass dieser im Jahr 1888 tot vor dem Bild gefunden worden war. In seinen weit aufgerissenen Augen schien der Ausdruck von unglaublicher Angst zu stehen, so hiess es im Polizeibericht. Die Todesursache war Herzstillstand. „Er ist vor Angst gestorben“, dachte Charleen. Über den Fluch liess sich jedoch nichts in Erfahrung bringen.

Das rückte für Charleen in den Hintergrund, denn Williams Zustand verschlechterte sich rapide. Charleen sass Tag und Nacht an seinem Bett und haderte mit dem Schicksal. „Warum nur habe ich nicht auf die Warnung der Verkäuferin gehört, dann läge William jetzt nicht im Koma!“, warf sie sich vor. „Dieses Bild, dieses verfluchte Bild“, rief sie aus. Eine vorbeigehende Krankenschwester hörte sie. „Reden Sie von einem Bild mit einer Ruine?“ „Ja, kennen Sie das Bild etwa?“ „Nun, meine Familie überliefert seit Jahrhunderten die Legende eines verfluchten Bildes, das jedem Besitzer den Tod bringt. Ich werde sie Ihnen erzählen.“

Sie fuhren zu Charleen nach Hause und die Krankenschwester, eine Zigeunerin namens Rowena, sah sich das Bild an. „Es ist das Bild aus der Legende und ich habe nicht geglaubt, dass es tatsächlich existiert.“ Rowena starrte das Bild staunend an.

„Vor langer Zeit gehörte dieses Bild meinen Vorfahren. Ein Maler hatte es ihnen aus Dankbarkeit geschenkt. Als ein reicher Lord eine junge Frau aus unserem Clan heiratete, gehörte dieses Bild zu ihrer Mitgift. Beide schienen glücklich miteinander zu leben. Als sie jedoch mit dem ersten Kind schwanger war, verliebte sich der Lord in die Tochter eines Dukes. Er verliess seine schwangere Frau und schickte sie mit ihrer gesamten Mitgift zu ihrer Familie zurück. Das Bild aber behielt er. Der Vater der Zigeunerin verlangte das Bild zurück, aber der Lord verhöhnte ihn und jagte ihn davon. Die Zigeuner verfluchten darauf das Bild.“

Charleen hatte gebannt zugehört. Nach einer kleinen Pause fuhr Rowena fort zu erzählen.

„Jeder Besitzer und dessen Familie sollen eine kurze Zeit des Glücks haben. Danach aber werden sie innert Kürze alle sterben. So lautet der Fluch. Tatsächlich waren der Lord und seine neue Frau sehr glücklich zusammen, denn sie erwartete bald ein Kind. Als sie aber im vierten oder fünften Monat war, geschah der Unfall. Bei einem Ausritt rammte ein Ast, der quer über den Weg hing, ihren Bauch. Sie verlor das Baby und brachte sich aus Kummer darüber selber um. Kurz danach wollte der Lord wieder heiraten. Am Tag vor der Hochzeit wurde er auf der Jagd erschossen. Das Bild aber verschwand für lange Zeit. Die Ruine auf dem Bild zeigt die alte Burg neben dem Schloss des Lords.“

Charleen bedankte sich und Rowena verliess das Haus. Schliesslich legte sich Charleen hin und versuchte sich auszuruhen. Sie war gerade eingeschlafen, als das Telefon klingelte. Charleen erhielt die Hiobsbotschaft, dass William gestorben war. Sie brach zusammen und man schichte ihr einen Arzt. Der Arzt gab ihr ein Beruhigungsmittel, dabei flüsterte sie „der Fluch wird wahr“. Sie schlief den ganzen Nachmittag lang. Am Abend rief sie Rowena an und fragte sie um Rat, was mit dem Bild geschehen sollte. Verkaufen würde nichts nützen, meinte Rowena, also blieb nur die Möglichkeit, das Bild zu zerstören. „Ich werde das sofort am nächsten Morgen erledigen“, dachte sie und legte sich wieder ins Bett.

Spät in der Nacht wurde Charleen von einem Geräusch, das wie ein Klirren klang, geweckt. Sie ging nach unten ins Wohnzimmer und überraschte einen Einbrecher. Der Einbrecher erschrak zuerst, schlug dann aber mit dem Kerzenleuchter, den er in der Hand hielt, auf die wehrlose Charleen ein. Sie ging blutüberströmt zu Boden und starb an den Kopfverletzungen. Der Einbrecher hingegen machte seelenruhig weiter. Beim Hinausgehen entdeckte er das Bild. Er sprach zu sich: „Ein wunderbares Geburtstagsgeschenk für meine Frau!“