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Rebekka Oesch// Bildbeschreibung: Inseln im Meer

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

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„ Endlich sehe ich ihn kommen, ach wie lange habe ich nun hier auf ihn warten müssen. Nun ist dies aber endgültig vorbei, die langen Minuten, die nie zu enden schienen, sind abgelaufen, bald werde ich ihn fest in meine Arme schliessen können. Nur noch wenige Sekunden trennen mich von ihm, mein Wunsch geht in Erfüllung...“

„ Schatz, wo hast du gestern den Sack mit den Kaffeebohnen für die Kaffeemaschine hin gelegt nach dem Einkaufen?“

„ Wart doch bitte noch einen kurzen Moment, ich komme gleich, ich sehe ihn schon von weitem, gleich werde ich ihn fest in meinen Händen halten können.“

Was, den Sack mit den Kaffeebohnen, nein, ich meine natürlich den Mann, den ich gerade noch gesehen habe, er hatte einen reizenden Oberkörper, strahlende Augen und lief mit offenen Armen gerade auf mich. Ach, weshalb musste dieser Tollpatsch auch gerade jetzt hier reinplatzen um mich nach den Kaffeebohnen zu fragen? Er schafft es aber auch immer wieder, genau im falschen Moment reinzuplatzen. Nun ist es vorbei, ich werde diesen Traummann nie mehr sehen, er ist weg. Ich kann mich noch so zwingen ihn durch krampfhaftes Augenschliessen wieder vor meinen Augen auftauchen zu lassen, jedoch vergeblich.

Wir hätten uns zusammen eine gemeinsame Zukunft aufbauen können, seine viel versprechend leuchtenden Augen haben all meine Zweifel zunichte machen können. In unserer Welt, im anderen Leben eben wäre uns viel Platz und Raum für Unerwartetes, Unvorhergesehenes und Zufälliges neben unserem Alltagsleben übrig geblieben. Wir hätten ein spontaneres Leben geführt, in dem wir uns Zeit für die allerwichtigsten Dinge im sowieso zu kurzen Leben genommen hätten, denn schliesslich leben wir bekanntlich nur ein einziges Mal. Weder Freiheit noch Grenzenlosigkeit würde ich in Zweisamkeit mit ihm missen. Ich, die dieses bunte Leben, das durch Erlebnisse und Erfahrungen sowie durch unzählige, emotionale Augenblicke geprägt wird, doch so gerne intensiv auslebe. Doch nicht nur die aufregensten Ereignisse und Abenteuer können mein Leben so einmalig gestalten. Dazu reicht mir auch schon ein ganz kleiner bescheidener Sonnenstrahl. Er kann mir mit seiner Wärme, die er mit sich trägt, Kraft und neue Energie spenden. Und wenn es der Sonne einmal nicht gelingen sollte, mein Leben zu erhellen, so weiss ich dennoch, dass sie hinter all den Wolken und Hügeln, die ich sehen kann lauert, um mich beider nächst besten Gelegenheit wieder mit ihrer Wärme und Kraft zu verwöhnen. Immer ist sie da, auch wenn sie nicht immer zu sehen ist. Sobald ich nun, wie ich hier so liege, über diese Zeit oder eben über dieses andere Leben nachdenke, so fühle ich mich ganz geschmeichelt von der Wärme der Farben, die mich dann umhüllen würden. Es wären Farben wie Gelb, Hellblau und Violett. Diese kommen mir auch gerade wider in den Sinn, wenn ich mich einige Sekunden zurück versetze in das andere Leben. Sie ziehen vor meinen Augen in die weite Ferne, wie Wolken, die ihren eigenen Weg gehen nach einem Sturm. Es scheint mir, als wäre ihnen keine Grenzen gesetzt, sie gehen ziellos daher, noch nicht wissend, was ihnen als nächstes begegnen wird. Ständig unterwegs, bewegen sie sich schwungvoll und gleichwohl irgendwie zielstrebig weiter. Wie gerne wäre ich gerade jetzt eine dieser Wolken, die einfach das machen könnte, nach was ihr gerade Lust und Laune ist. Gerade heute würde ich so viel daran geben, noch einmal kurz in meine Welt von vorhin einzutauchen und mich einfach mitreissen zu lassen von den Kräften, die dort wirken. Vielleicht wäre es Wille, Laune oder aber auch pure Lust...? Aber das bringt mir heute Morgen alles auch nicht weiter, in einer halben Stunde fährt mein Zug, ich werde wie jeden Tag, jede Woche und wie jedes Jahr das von gestressten und ungeduldigen Leuten vollgestopften Wagon betreten, um dann den Mitfahrenden ein Loch in den Bauch zu starren, wenn ich nicht zufällig jemanden antreffe, dem mich von meiner Traumwelt erzählen kann. Das wäre schön, ich könnte wieder abtauchen oder besser gesagt mich in eine andere Welt erheben, in der bestimmt vieles anders und somit vielleicht auch besser wäre. Aber auf dieses „Jemanden Treffen“ kann ich auch nur hoffen, wer geht schon um halb sechs Uhr morgens zur Arbeit? Tag ein Tag aus ist es doch immer das Gleiche: der geregelte, bis aufs kleinste Detail durchstrukturierte Tagesablauf, keinen Platz und keine Zeit für Spontaneität, Unerwartetes oder Zufälliges, alles schon im Voraus genaustens ausstudiert und überdacht. Ist das auf die Dauer nicht langweilig? Ich habe so das Gefühl, dass ich mich geradeaus auf einen dunklen, langen Tunnel hinzubewege, den Ausgang sehe ich jedoch noch nicht, ich weiss nicht, wann er kommen wird. Keine Ahnung, wie lange ich dafür brauchen werde, um diesen Engpass hinter mir zurück zu lassen. Ich bin verzweifelt, es muss doch einen Ausweg, oder Umweg geben, um diesen Ort der Dunkelheit zu entgehen, um wieder dort anzukommen, wo ich mir wünsche. Genau so wie ich es heute Morgen geschafft habe. Aber auf eine gewisse Art und Weise brauche ich trotz allem meinen Alltag. Denn wie könnte ich mir ein schöneres und angenehmeres Leben wünschen, wenn ich es schon hätte? Den Alltag brauche ich als eine Art fruchtbarer Boden, aus dem heraus meine Alltagsträume oder Wünsche wie Bäume aus dem Boden herauswachsen können, um gegen die Traumwelt zu streben. Diese Alltagsträume und kleinen Lebensfreuden, die meinen Alltag farbiger zu machen wissen, sind für mich wie Inseln im Alltagsmeer. Auf ihnen kann ich mich vor dem Ertrinken in der Arbeit und im Stress in Rettung bringen und aus meinem Alltag ausbrechen.

Heute, so wie auch in den nächsten Tagen, wird es nun meine Aufgabe sein, die Augen weit offen nach solchen „Inseln“ zu haben und auf sie zu flüchten, sobald die Möglichkeit und der Bedarf dazu besteht. Denn nur so kann ich mein Leben farbiger gestalten und es nicht nur bei meinen Träumen belassen.