Klippen der Faszination

05 May 2005 - 22:28 | Version 4 |

Rauschendes Meer, gigantische Klippen, dunkle Wolken, grosse Steine und zwei streichholzkleine Menschen – einfache Elemente in einem ganz normalen, schlichten Gemälde. Ein Bild, wie jedes andere auch, nicht wahr? Auf den ersten Blick jedenfalls, richtig. Aber trotzdem zieht es deine Augen an und fasziniert dich. Das Bild wirkt schlicht, da hast du Recht, aber auch geheimnisvoll, findest du nicht? Es lässt deinen Blick nicht abschweifen. Du spürst Verlangen, dieses Gemälde zu betrachten - so sehr, dass du dich automatisch einen Schritt nach vorne begibst, um jeden einzelnen Pinselstrich zu erforschen. Es zieht dich in solch einen Bann, dass es dir vorkommt, als ob du selbst dort stehen und hautnah miterleben würdest, was sich gerade abspielt, nicht wahr? Weit abgelegen, irgendwo draussen in der weiten Welt findest du diesen wunderschönen Ort. Ein Ort, wo nur Natur, Freiheit und Stille zählen. Nicht viele Leute kennen diesen Platz, doch bisher alle, die ihn entdeckten, lernten ihn schätzen. Erkennst du den winzigen Vater mit dem noch kleineren Sohn, die dort in nachdenklicher Pose auf einem der grossen Steine stehen? Geh einen Schritt näher, um sie ein wenig genauer zu betrachten. Beide sind schwarz gekleidet - schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzer Pullover und eine schwarze, leichte Jacke. Nur der Vater trägt zusätzlich eine rote Mütze. Eine Angel liegt dicht an seiner rechten Schulter an – ob sie wohl zum Angeln hierher kamen? Du siehst die Beiden nur von hinten und bist somit gezwungen, ihrer Blickrichtung zu folgen. Sehnsüchtige Blicke streifen über das weite Meer ins Unendliche – spürst du sie? Der Himmel, der von einem gräulichen Schleier bedeckt ist, erschwert dir die Sicht. Unmittelbar über einer der riesigen Klippen beginnt sich die Wolkendecke ein wenig aufzulösen. Es offenbart sich ein Blick auf ein wunderschönes Blau. Dieses Licht zwischen den Wolken ist wie ein Hoffnungsschimmer zur sonstigen melancholischen Stimmung. Vater und Sohn blicken seit langem links an der vor ihnen liegende Klippe vorbei in die Ferne. Was sie dort wohl sehen? Nichts! Kein Schiff, kein Haus, keine Menschen – nichts als die Weite. Rauschende Wellen rollen ans Ufer. Einige schlagen an den Klippen auf und spritzen dich nass, andere laufen schäumend aus, um langsam wieder ins rauschende Meer zurück zu gelangen – hörst du sie? Herrlich, nicht wahr? Noch immer stehen die Beiden still, siehst du? Keiner bewegt sich auch nur einen Millimeter. Ruhe. Was sie sich wohl überlegen? Keinen Laut geben sie von sich, oder hörst du etwas? Berauschende Meeresluft füllt die Lungen und streift über die Wangen hinweg Richtung Land – fühlst du sie? Eisiger, pfeifender, auf deinen Wangen brennender Wind, trägt den süssen Meeresduft an Land – riechst du ihn? Da, psst, eine Stimme – hörst du sie? Eine zierliche, aber zugleich traurige Stimme, unterbrochen von leisem Schluchzen. Was der Junge dem Vater wohl gerade berichtet? Rück noch einen Schritt näher, damit du jedes Wort verstehen kannst. „Warum, Papa? Warum ausgerechnet Mama? Muss sie wirklich sterben?“. Der Vater bleibt still und gibt keine Antwort auf die Fragen seines Sohnes - er weiss keine. Wieso? Wie geht es weiter? Wird sie wirklich sterben? Warum nur? Unzählige Fragen durchziehen ihre Gedanken, merkst du? Du willst eingreifen, helfen, trösten, sie einfach nur in den Arm nehmen – aber du kannst nicht. Beängstigend so hilflos dort zu stehen, umgeben von gewaltiger Natur, Machtlosigkeit, Einsamkeit, Traurigkeit sowie Sehnsucht nach Freiheit und Ferne, nicht wahr? Erst nach kurzer Zeit wird dir klar, wo du wirklich bist und was hier los ist. Noch immer betrachtest du das Bild mit grossen Augen und kannst deinen Blick von der unendlichen Wasserfläche nicht abweichen. Endlose Stunden könntest du dort stehen und nur staunen, ohne zu begreifen.

Wenn du doch ein Vogel wärst. Du könntest abheben, über den Wasserteppich gleiten und dem Unendlichen entgegen fliegen. Nicht mehr zurückblicken, nie mehr zurückkehren, das Weite suchen. Das finden, wonach du schon immer gesucht hast – die Freiheit!