You are here: NKSA » DeutschUnterricht » KunstHaus » CamilleCorot

Denise Siegenthaler // Camille Corot // L'effet de lune //1875

Journal de Camille Corot Paris, le 21 février 1875

Mon cher journal, nun leide ich schon seit über zehn Jahren an dieser heimtückischen Krankheit. Meine Gelenke sind geschwollen und jede meiner Bewegungen schmerzt. Ich kann nicht einmal mehr meiner Leidenschaft nachgehen, in der Natur zu malen. Ich sehne mich danach, mich endlich mal wieder in die Natur zu setzen und meine Umgebung zu malen. Oh, du kannst dir nicht vorstellen, wie gross meine Sehnsucht ist, wenigstens kann ich noch ein Stück weit meiner Arbeit nach gehen, indem ich verschiedene Menschen porträtiere. "Wenn ich nicht mehr malen dürfte, nicht mehr meine kleinen Zweige machen dürfte, mit gerade genug Luft dazwischen, um die Singvögel durchschlüpfen zu lassen, - das wäre mein Tod!"(Zitat) Ich liege hier in meinem Bett und schaue mir das Bild an, welches mir gegenüber an der Wand hängt. Ich habe es erst vor kurzem vollendet. Es ist ein sehr dunkles Bild. Doch ich finde, gerade das verleiht dem Gemälde die richtige Stimmung. Alles ist düster, nur der Mond erleuchtet das Seeufer, auf dem Bild sind drei Menschen zu sehen, welche sich an die dunklen Bäume lehnen. Der Mond ist die einzige Lichtquelle. Es herrscht eine getrübte Stimmung. Es wirkt bedrückend. Und doch birgt es Hoffnung, nicht zuletzt wegen dem hellen Licht des Mondes. Gerade vorhin ist etwas Seltsames geschehen. Du wirst es mir kaum glauben, doch ich lüge nicht. Ich sass wie beinahe jeden Tag in meinem Sessel vor dem Kamin und grübelte über den Tod nach. Ich spüre schon seit ein paar Tagen, dass es mit mir schon bald einmal zu Ende gehen wird. Nein, ich scheue den Tod nicht, aber ich muss ständig darüber nachdenken, mich beschäftigt vor allem die Frage, ob ich ein sündiges Leben geführt habe oder nicht. Das ist schon komisch, dass man sich solche Fragen erst dann stellt, wenn es zu spät ist. Na ja, auf diese Frage kannst auch du, mein Tagebuch, mir keine Antwort geben, jedenfalls wurde ich schläfrig und döste ein. Ich träumte davon, wie ich mich nachts an einem Seeufer gegen einen Baum lehnte und nur das leise Rauschen des Wassers zu hören war. Die Kirchuhr des nahen Dorfes schlug zur Mitternachtsstunde. Doch für mich schien die Zeit still zu stehen. Ich fühlte mich ruhig und erlöst von all meinen Sorgen. Vor mir erstrahlte der Mond in seiner vollen Pracht. Sein Licht wiederspiegelte sich im klaren Wasser des Sees und durchzog dessen dunkles Blau mit einem hellen Streifen. Von hinten näherte sich jemand und packte mich sanft am Arm. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ausser mir noch jemand am Seeufer war. Es waren zwei Männer. Sie sagten, sie wollten mir die Sterne erklären. Diese Idee gefiel mir, so dass ich ihnen zum Rande des Sees folgte. Der eine wies mit der Hand in Richtung des Mondes und ich sah zum Himmel hinauf. Es war wunderschön, all die Sterne zu sehen. Doch als ich meine Augen von den Sternen abwandte und zurück blickte, stellte ich erschrocken fest, dass wir schon fast inmitten des Sees standen. Wie war das bloss möglich? Ich hatte auch nicht einmal nasse Füsse! Erschrocken fragte ich die Männer, was denn hier los sei, und wollte wissen, wohin wir gingen. Da antwortete mir der eine, ich bräuchte keine Angst zu haben und solle ihnen einfach vertrauen. Das tat ich, denn was blieb mir schon anderes übrig? Plötzlich stand, wie aus dem Nichts, eine Treppe vor uns, die sich gegen den Himmel wandte. Oh, mein Tagebuch, ich erfinde nichts. Die beiden Männer zögerten nicht und stiegen die ersten Tritte hinauf. Dort warteten sie auf mich. Ich getraute mich nicht auch nur einen Schritt ohne die beiden zu tun, da ich befürchtete ansonsten im See zu ertrinken. Ich fragte mich, wo diese Treppe wohl hinführt. Ob vielleicht hinauf in den Himmel? Ich bemerkte, wie ich immer schneller Stufe um Stufe hinauf stieg. Doch erstaunlicherweise war ich kein bisschen erschöpft. Ich wagte nicht, mich umzuschauen, deshalb hatte ich keine Ahnung, wie weit wir schon gegangen waren. Auf einmal blieben die beiden Männer stehen. Als ich sie erreicht hatte, hörte ich eine tiefe, vertraute Stimme leise zählen... 20, 19, 18... Einer der Männer erklärte, dass das die Anzahl der Stufen waren, welche wir noch zu gehen hatten. Auf meine Frage, wessen Stimme das gewesen sei, erhielt ich keine Antwort. Langsam wurde ich nervös. Was wird mich am Ende der Treppe erwarten? Meine Knie begannen zu zittern und ich musste stehen bleiben. Die Stimme war nun viel deutlicher zu hören... 4, 3... ich blickte nach oben. Da war ein riesiges Tor. Es war strahlend weiss und leuchtete bis zur Erde hinunter. Es war ein Tor, wie es in einigen meiner Träume schon vorgekommen war. Bloss, in welchen Träumen war das? Ich konnte mich nicht erinnern. Weißt du es etwa, mein geliebtes Tagebuch? Ich wusste, dass ich erst kürzlich davon geträumt hatte, aber worum ging es in dem Traum? Ich wusste es nicht mehr. Das Tor war geschlossen, die Männer klopften an und es öffnete sich... ...Nichts! Du kannst dir nicht vorstellen, wie enttäuscht ich war. Es war einfach nichts zu sehen. Ich wandte mich an meine beiden Begleiter und fragte sie, was es mit diesem Tor auf sich hätte. Sie begannen laut zu lachen und nannten mich einen Narren. Dies sei das Himmelstor. Jeder muss es auf seinem Weg durchqueren und ich sei da keine Ausnahme. Sie fragten mich, ob ich ein gutes Gewissen habe. Ich antwortete mit ja, doch sicher war ich mir nicht. Dann müsse ich mich nicht fürchten und könne das Tor ruhig durchschreiten. Behutsam und mit einem mulmigen Gefühl schritt ich unter dem Tor durch. Alles rund um mich erhellte sich. Nun wusste ich, in welchen Träumen ich dieses Tor schon einmal gesehen hatte. Es war in jenen friedlichen Nächten, in denen ich vom Paradies träumte. Erinnerst du dich auch? Ich habe dir von diesen Träumen geschrieben. Das Paradies, der Ort, an dem alles bei Null beginnt und wo alle Menschen gleich sind. Dies war das Ziel meiner Träume und nun hatte ich dieses Ziel endlich erreicht. All die schwere Last fiel mir von den Schultern und endlich kannte ich die Antwort auf jene Frage, die ich mir immer und immer wieder gestellt hatte. Gott hatte mir meine Sünden vergeben. Schade, dass ich nicht beschreiben kann, was das für ein Gefühl war! Als ich wieder erwachte, war ich völlig verwirrt. Ich stand auf und ging die wenigen Schritte bis zu meinem Bett. Hier liege ich nun, schildere dir mein Erlebnis und betrachte dieses Bild. Es scheint mir, als wiederspiegle es genau jene unbeschreiblichen Gefühle, von welchen ich geträumt habe. Jetzt kann ich in aller Ruhe sterben, ohne mich, aufgrund der Ungewissheit, vor diesem Moment fürchten zu müssen.

Lebe wohl mein geliebtes Tagebuch.

DeniseBild.jpg