Goethe: Projekt FaustI

Die Faust-Dichtung ist Goethes Lebenswerk. Er hat sechzig Jahre lang (1772–1832) immer wieder daran gearbeitet und bis kurz vor seinem Tode noch Änderungen nachgetragen. Diese sechzig Jahre bilden eine Epoche tief greifender historischer Umbrüche, in denen die moderne Demokratie entstand und die Welt in das Industriezeitalter eintrat. Diese Umbrü-che sind in die vielschichtige Thematik des Dramas eingegangen und machen nun ihre Komplexität aus.

Im Eingangsmonolog zeigt sich Faust in einem mittelalterlichen Studierzimmer und gibt seiner Enttäuschung über die scholastische Wissenschaft Ausdruck. Am Ende des zweiten Teils ist die ganze neuzeitliche Entwicklung durchschritten. Faust ist Großunternehmer geworden, hat sich die Natur dienstbar gemacht und in ein Kunstgebilde verwandelt und stirbt mit einer Gesellschaftsutopie auf den Lippen, während Mephisto auf die Möglichkeit völliger Vernichtung hinweist. Goethe hat die Faust-Figur schon als junger Mensch durch billige Jahrmarktdrucke kennen gelernt, die alle irgendwie mit dem VolksbuchDesJohannSpies (1587), dem SchauspielDesChristopherMarlowe (1604) oder der Schrift des ChristlichMeynenden (1725) zusammenhängen.

-- TB