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Angela Graeni // Dieter Roth: Angefangenes Bild // 1977

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 2 |

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Einer dieser Tage

Sie kann nicht mehr. Sie muss sich hinlegen, ihr Kopf schmerzt. Warum hat sie immer so viel zu tun? Warum wollen alle immer etwas von ihr? Die ganze Zeit arbeitet sie und doch ist niemand zufrieden! Entweder ist es falsch oder dann tut sie zuwenig oder zuviel. Niemandem kann sie es recht machen. Dabei möchte sie das doch so gerne. Sie möchte, dass die anderen mit ihr zufrieden sind und sie mögen. Doch diese zwei Frauen mit den grossen Hüten heute morgen im Kaffe mochten sie überhaupt nicht. Als hätte sie ihnen etwas getan, haben sie sie gemieden. Den von ihr am meist entferntesten Platz haben sie sich ausgesucht. Sie kann sich das wirklich nicht erklären. Und wie die über sie getuschelt haben. Sie konnte ihn bis zu ihr hin hören, diesen gemeinen Unterton. Ist ja klar, dass man dann gereizt zur Arbeit kommt. Wer mag es schon, wenn hinter seinem Rücken über ihn geredet wird? Doch der absolute Höhepunkt des heutigen Tages war, als er ihr sagte, sie sei ein Arsch, ein dicker, rosa-blauer Arsch. Kann man sich das vorstellen? So etwas Erniedrigendes hat noch nie jemand zu ihr gesagt! Das geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Und gerade er sagt dies zu ihr. Aber diese Aussage und das Getuschel dieser zwei Frauen ist nicht das Einzige, das sie heute so fertig gemacht hat. Schon morgens in der Früh hat dieser Tag gut begonnen. Nicht nur die Menschen haben sich gegen sie verschworen, sondern auch die Dinge. Solche Dinge, die nicht einmal denken können haben einen Komplott gegen sie geschlossen. Mit ihrem geliebten Kaffeekrug hat sie sich bis heute immer sehr gut verstanden. Sie konnte ihn unbeaufsichtigt stehen lassen und nichts ist passiert. Doch heute Morgen war alles anders. Sie wollte den Kaffee eingiessen und bevor sie oder der Kaffee den Krug berühren konnte, fiel er zu Boden. So etwas ist doch nicht normal! Weil sie die Scherben aufwischen musste, hatte sie keine Zeit mehr den Kaffee zu trinken. Also musste sie ohne Kaffee im Magen aus dem Haus gehen. Sie tröstete sich damit, dass die Scherben wenigstens Glück bringen werden. Doch davon hat sie den ganzen Tag nichts bemerkt. Nach dem sehr strengen Morgen, an dem sie immer alles falsch gemacht haben sollte, wollte sie sich im Zoo erholen. Sie nahm also ihr Auto, ging in den nächsten Einkaufsmarkt und besorgte sich einen gesunden und feinen Lunch. Dies war der einzige Moment dieses Tages, an dem sie glücklich war. Sie ging also in den Zoo und setzte sich vor das Gehege der Elefanten, da diese Tiere so gemütlich in ihrem Käfig umherspazierten. Gemütlichkeit konnte sie in dieser Stunde am besten gebrauchen. Doch als sie ihren Lunch ausgepackt hatte und aufschaute, erblickte sie einen Elefanten, der genau in ihre Richtung sah. Er schaute sie nicht nur an, er starrte sie an, als hätte sie ihm etwas getan. Es kann ja nicht sein, dass sogar die Tiere sie nicht mögen. Sie liebt Tiere über alles. Wenigstens sie müssten auf ihrer Seite sein. Doch da kam der Elefant ganz nah an das Gitter heran, streckte seinen Rüssel aus und fasste nach ihrem Brötchen. Sie konnte es nicht mehr halten, wobei sie es bei diesem schmutzigen Rüssel ohnehin nicht mehr gegessen hätte, und er entriss es aus ihrer Hand. Folglich musste sie mit einem leeren Magen und mit einem Kopf voll von schlechten Gedanken ins Büro zurückkehren. Auch der Nachmittag verlief nicht besser. Der blöde Krumi mit dieser dämlichen Frisur hat sie die ganze Zeit angeschnauzt. Obwohl er dies jeden Tag macht und sie sich daran gewöhnt hatte, gaben ihr seine blöden Kommentare heute noch den Rest. An einem Tag wie dieser kann man von ihr wirklich nicht verlangen, dass sie dies gelassen hinnehmen soll. Nach zwei weiteren unbefriedigenden Arbeitsstunden konnte sie um viertel nach fünf endlich das Licht im Büro löschen und nach Hause gehen. Und jetzt liegt sie hier auf ihrem Sofa und ist für die nächsten Stunden unansprechbar, da sie diesen Tag verarbeiten muss.