You are here: NKSA » DeutschUnterricht » KunstHaus » FranzFedier

Regenbild Gerda Baumgartner, 3D


GerdaBild.jpg

Hier stehst du. Vor einem Bild im Kunsthaus. Du schaust auf das Bild und versuchst, in das Gemalte hineinzublicken. Gleichzeitig ist es dir, als wäre das Bild ein Fenster und du würdest hinausblicken. "Ja, was jetzt,", frage ich, "hinein oder hinaus?" Du erklärst mir, du blickest zuerst hinein und dann nach gewonnener Erkenntnis hinaus. Hinaus aus einem Fenster, zu welchem das Bild nach einer gewissen Zeit des Hineinschauens mutiert. "Was heisst, nach einer gewissen Zeit?", will ich, etwas verwirrt von deinen Ausführungen, wissen. Du sagst, diese wäre für jeden Menschen verschieden und nicht eindeutig definiert. Man merke dann schon, wenn die Zeit um ist. "Ja, und was sieht man, wenn man aus dem Fenster hinausblickt?" Ich bin neugierig. Du denkst nach und lieferst mir dann folgende Antwort: "Auch hier entscheidet jeder und jede selbst, was sie sehen wollen und was sie dann schlussendlich sehen werden. Das variiert von Mal zu Mal. Je länger man hineinblickt, desto mehr Fenster werden einem geöffnet, durch die man hinausblicken kann, hinaus in das Innenleben des Bildes." Ich nicke nachdenklich und schaue ins Bild hinein.

plitsch. platsch. plitsch. plitsch. platsch. plitsch. Es regnet.

Ich öffne das erste Fenster.

Dünne Linien lassen etwas verschwimmen. Was, fragst du? Das weiss ich nicht. Es ist verschwommen. Ich sehe nur die farbigen Rinnsale; Eisblau, Weinrot, Senfgelb, Himmelblau. Wie Regentropfen, die von einem Sonnenstrahl zart gekitzelt werden und für kurze Momente in allen Farben erscheinen. Wie Regentropfen, die sich der Scheibe entlang langsam ihren Weg nach unten bahnen. Verschiedene Wege. Gleiches Ziel. Boden, Bach, Fluss, Meer, Wolke. Es regnet.

Ich öffne das zweite Fenster.

Ich schaue zum Fenster hinaus. Alles ist unscharf: Bäume, Menschen, Tiere. Alles verläuft, vergeht. Ich schaue den Wassertropfen zu, wie sie an mein Fenster knallen und dann geräuschlos hinuntergleiten, hinunterkullern wie Tränen auf Wangen. Bin ich froh, hier im Trockenen zu sein! Es regnet.

Ich öffne das dritte Fenster.

Ich stehe im Regen. plitschnass. platschnass. Ich verschwimme. Niemand kann mich erkennen. Alle schauen aus dem Fenster hinaus, hinaus in die verschwommene Landschaft. Die dünnen Linien lassen mich verschwimmen. Eine Träne kullert mir übers Gesicht. Oder ist es ein Regentropfen? plitsch. Es regnet. platsch.

"Warum weinst du?", fragst du mich. Ich weine doch gar nicht, das ist der Regen. Es regne gar nicht, meinst du. Doch. Vielleicht nicht bei dir, aber bei mir regnet es. Und wie! Du nickst nachdenklich. Ich schaue hinaus. Es regnet. Wo bin ich? Da. Verschwommen. Nass. Farbnass. Im Regen. Ich zerfliesse. Ich fliesse. Wo bist du? Wir fliessen. Nach unten. Immerfort.