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-- RahelSchar - 03 Jul 2004

Einsamer Alltagsabriss

Langsam setzt sie einen Fuss vor den anderen. Das Echo ihrer Schritte widerhallt an den hohen, weissen Wänden. An den Wänden des Aarauer Kunsthauses. Sie nähert sich dem grossen Foto und gleichzeitig dem Jahre 1970, in dem dieses entstanden ist. Den Rücken zu ihr gekehrt, den Blick starr auf die Pflastersteine gerichtet schreiten sie der Strasse entlang. Sie bewegt sich in gleiche Richtung wie sie, bis ihre Nasenspitze beinahe das grosse Foto berührt. Jetzt erst erkennt sie: Es ist kein Foto, sondern ein gemaltes Bild von Franz Gertsch, Dispersionsfarbe auf Halbleinen. Das Echo ihrer Schritte verstummt. Stille. Die Zeit steht still. Jede Faser ihres Körpers scheint erstarrt zu sein. Sie verharrt, bis sie aus der Ferne einer andern Dimension leise und immer näher kommend das Aufschlagen von Schuhen auf einem Gehsteig wahrnimmt. Das gleichmässige Klacken wird lauter und ganz sachte spürt sie die laue Wärme eines Septembermorgens auf ihrer Haut. Eine öde Dienstagmorgenstimmung macht sich in ihrer Magengegend breit. Die Morgensonne wirft einen langen, dunklen Schatten ihres Körpers auf die Steine. Sie ist drin! Instinktiv dreht sie sich um und schaut zurück - doch da ist nichts! Rasch richtet sie ihren Blick wieder nach vorne und jetzt wird ihr bewusst, dass sie nicht mehr raus kann. Gefangen. In einer andern Zeit und Dimension. Zögernd versucht sie die Umgebung aufzunehmen. Rechts von ihr eine hohe Hausmauer aus rostbraunen Backsteinen mit einigen grossen Fenstern und links neben ihr die leere Strasse. Nur die Verkehrsschilder in der Ferne und ein gelber, geparkter Wagen weisen darauf hin, dass es eine Autostrasse sein muss. Auf der linken Strassenseite wenige Häuser und ein irgendwo ein Baum – die Öde von Kranenburg ruft. Die fünf vor ihr gehenden Männer mit ihren sitzenden Frisuren, naturfarbenen Jacken und Hosen wirken recht langweilig und bewegen sich mit einer Trägheit der Lustlosigkeit. Ein paar Schritte weiter vorne kann sie zwei junge, blonde Frauen erkennen. Sie vermitteln ihr den Eindruck zweier durchschnittlichen Sekretärinnen. Die eine mit engen Strümpfen, kurzem Rock und schwarzem Jackett. Die andere hat ihre langen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden, trägt eine rote Bluse und über der linken Schulter eine schwere Mappe. Sich mit diesen beinahe bedrohlich langweiligen Menschen abfindend, wandern ihre Gedanken zu ihr selber zurück. Schwer fühlt sie sich. Schwer und einsam. Sie befindet sich zwar unmittelbar hinter ihnen, doch in ihren Gedanken ist sie meilenweit von ihnen entfernt. Sie sind gemeinsam einsam unterwegs, auf dem Gehsteig von Kranenburg. In ihrer Einsamkeit suchen ihre rastlosen Augen etwas, auf das sie sich fixieren können. Da! Locker baumelt sie am linken Handgelenk des netten Herrn mit gelbbraunem Jackett Mitte dreissig. Die Fotokamera. Einerseits versucht dieser Mann vor ihr mit seinen Schritten in die Zukunft zu gehen und andererseits steht er in der ständigen Bereitschaft die Gegenwartsmomente abzuklicken und so die Vergangenheit festzuhalten. In ihrem Leben ist diese Haltung eine häufige Erscheinung. Oft lässt sie die Angst vor der Zukunft in den Rückspiegel blicken. Sie klammert sich, vor allem wenn sie sich alleine fühlt wie hier, an vergangene Geschehnisse, an Menschen oder Objekte. Das Lernen loszulassen, weiterzugehen auch wenn der Schritt des Alltags wie in Kranenburg oft träge und mühsam ist und sie das Gefühl hat, alleine nicht vorwärts zu kommen. Auf diesem Gehsteig erlebt sie eine Widerspiegelung eines einsamen Alltagsabrisses, aus dem sie entfliehen möchte. Doch sie klammert sich daran fest, will diesen Moment festhalten. Bilder und Eindrücke, die ihrer Vergangenheit angehören, werden ihr in Erinnerung gerufen, andere, die sich bei ihr nicht besonders eingeprägt haben, verstauben im Fotoalbum ihres Kopfes. Ob wohl der Mann vor ihr auch verstaubte Fotoalben im Regal stehen hat? Ja, das hat wohl jeder Mensch. Doch verstaubt oder nicht, eines haben diese Bilder alle gemeinsam: Sie wurden einmal losgelassen. Jetzt wird ihr klar, was sie tun muss: Blitzschnell schnappt sie die Fotokamera, schiesst ein Bild dieser Szene, ordnet es ihrer Vergangenheit zu und lässt es los. Als sie sich nun umdreht, kann sie verschwommen in der Ferne einige Bilder und weisse Wände ausmachen. Schnellen Schrittes läuft sie der Gegenwart entgegen und somit ins Aarauer Kunsthaus zurück. Ihre rechte Hand umklammert die Fotokamera und atemlos stellt sie fest, dass sie wieder in der Dimension der Realität angekommen ist. Sie blickt nicht zurück, doch sie steht im Wissen, dass hinter ihr das Situationsbild von Franz Gertsch hängt. Langsam und nachdenklich entfernt sie sich. Die Einsamkeit versucht sie in die Vergangenheit zurückzuholen, die Schritte und die Zeit treiben sie in die Zukunft und der Moment des Alltags lässt sie in der Gegenwart leben.

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