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Die Aeste der alten Weide wehen leicht im Wind und es duftet nach Frühling. Genau 50 Jahre ist es nun her, seit ich meinen alten Freund Alexander das letzte Mal gesehen hatte, hier unter der alten Weide, wo wir schon als Kinder zusammen gespielt hatten.

Alexander und ich wuchsen in einem kleinen Dorf in Deutschland, Nahe der Grenze zu Frankreich auf. Beide lebten wir etwas ausserhalb des Dorfes, zwischen Wiesen und Feldern, auf denen wir spielten und unsere Kindheit genossen. Unsere Eltern waren gut befreundet und auch wir waren unzertrennlich. Da wir die einzigen Kinder waren, die nicht im Dorfkern wohnten, verbrachten wir jede freie Minute zusammen. Wir dachten uns die aufregensten Geschichten aus, badeten im Fluss und kletterten auf den Bäumen herum. Wir liebten die Natur, die satten grünen Wiesen, die Blumen, das kleine Wäldchen hinter unserem Haus und vor allem unsere Weide. Sie stand einige 100 Meter von unserem Haus entfernt, eingebettet in die hügeligen Wiesen und umgeben von mehreren anderen Weiden, doch unsere war und ist die schönste. Als wir klein waren, kletterten wir darauf und spielten „Schiff auf hoher See“ , weil die Aeste so schön schaukelten und als wir älter wurden und uns die ersten Teenagersorgen drückten, zogen wir uns in den Schatten unseres Lieblingsbaumes zurück und sprachen über unsere Aengste und Sorgen und trösteten einander. Die alte Weide war unser kleines Reich, in dem wir ungestört und glücklich waren. Alles lief in bester Ordnung bis 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Alexander war mittlerweile 20 Jahre alt geworden und zog in den Krieg. Für mich brach eine Welt zusammen, ich verlor mit ihm meinen treuesten und ehrlichsten Freund und ich fühlte mich furchtbar einsam ohne ihn. Ich hatte keine Ahnung wo er genau war und ob er überhaupt noch lebte. Immer wenn ich draussen war und besonders wenn der Frühling langsam erwachte, vermisste ich die unbeschwerten Stunden mit Alexander, unsere langen Gespräche und Spaziergänge in unserem kleinen Reich. Oft zog ich mich unter die Weide zurück, suchte bei ihr Trost und hing meinen Erinnerungen nach. Im Mai 1942 als ich bereits dachte mein treuester Gefährte lebe nicht mehr, weil ich nie ein Lebenszeichen von ihm erhielt, fand ich eines Abends einen Brief auf meinem Schreibtisch in dem geschrieben war: „Um 4 Uhr früh an unserem Lieblingsplatz.“ Keine Unterschrift. Mein Herz machte einen Sprung, es war mir sofort klar, dass dieser Brief tatsächlich von Alexander kam. Aber wieso war er plötzlich hier? Es war ziemlich frisch und die Wiese war feucht vom Morgentau als ich mich von unserem Haus wegstahl und fast platzte vor Vorfreude auf unser Wiedersehen. Und dann sah ich ihn, er stand bereits unter der Weide und wartete, ich begann zu laufen und die Tränen liefen mir in Strömen über das Gesicht als ich ihn endlich in meinen Armen hielt. Alexander sah schlecht aus, er war gezeichnet von der Grausamkeit und den Schrecken des Krieges, doch mir zu liebe liess er sich nichts anmerken. Die Worte sprudelten förmlich aus unseren Mündern, ich hatte so viele Fragen und so viel zu erzählen und war so unendlich glücklich noch einmal mit ihm vereint an dem Ort unserer Kindheit zu sein. Die Zeit verging wie im Fluge, um 6 Uhr musste er bereits wieder zurück sein, denn er war hier nur auf der „Durchreise“. Der Abschied war schwer und ich winkte ihm hinterher bis er im kleinen Wäldchen verschwand. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich ihm sah, bereits im Juli desselben Jahres starb er, erschossen durch den Feind. Ich ritzte in die alte Weide ein kleines Kreuz und zündete jede Woche eine Kerze für ihn an, mehr konnte ich nicht mehr tun für meinen Freund.

Das erste Mal seit 49 Jahren stehe ich nun wieder hier an der kleinen Gedenkstätte für Alexander, ca. ein Jahr nach seinem Tod flüchteten wir in die Schweiz und ich hatte bis jetzt nie die Gelegenheit hierher zurück zu kehren. Das kleine Kreuz in der Rinde ist noch immer gut sichtbar und auch heute habe ich eine Kerze mitgenommen, um sie für Alexander anzuzünden, denn ich denke noch heute jeden Tag an ihn und so fest unsere Weide im Boden verwurzelt ist, so verankert ist die Erinnerung an meinen Freund in meinem Herzen.