Lajser Ajchenrand (1911-1985): Ein altes Wiegenlied (1946)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Lajser Ajchenrand
Ein altes Wiegenlied

Meiner Schwester Etka und den ungezählten getöteten Schwestern

Auf dürren Zweigen Mutters tote Stimme blüht,
In stiller Nacht dunkelt spurlos ihr Schritt -
Vor meiner Tür sie breitet weißen Teppich aus.

Kühl Mutters Stirn die Nacht in Silberhänden hält,
Geschändet liegt die Schwester stumm erstarrt im Feld -
Braun wackelt die Hyäne in die Welt hinaus.

Und die Sterne glühen weiß und kalt,
Über Schwester und Hyäne zittert Gott's Gestalt -
Mit blauen Lippen spricht von Liebe ein vergaster Jid.

Tief und kristallrein rinnt das Schweigen übers Feld,
Auf Schwesters Brust hat Nacht zum Trinken sich gestellt -
Weinend singt die Mutter ihr ein altes Wiegenlied.

(Aus dem Jiddischen)

Quelle:
[[][von Matt, P., Vaihinger, D. (2002). Die schönsten Gedichte der Schweiz. München: Nagel & Kimche. Ajchenrand, L. (2006). Aus der Tiefe. Zürich: Ammann Verlag & Co.]]

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Ajchenrand Lajser
Titel: Ein altes Wiegenlied
Thema: Judenverfolgung
Erscheinungsjahr: 1964
Zeilen: 12
Link:  
Rezensent/in: Stefanie Bertschi
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Lajser Ajchenrand wurde am 23. September 1911 in dem polnisch-jüdischen Städtchen Demblin geboren. Während des zweiten Weltkrieges flüchtete er in die Schweiz und entkam so nur knapp seiner Deportation. Den Holocaust nicht überlebt hatten seine Mutter und seine Schwester Etka. Beide waren in Treblinka von den Nazis umgebracht worden. Lajser Ajchenrands Lyrik handelt von der Grausamkeit des jüdischen Leides und der Verzweiflung der Überlebenden. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht „Ein altes Wiegenlied“ (auf Jiddisch: „An alt Wieglied“), welches im Jahre 1946 entstand.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je drei Zeilen. Das Reimschema ist der Schweifenreim (aab ccb dde ffe). Der Aufbau und die Form des Gedichtes sind also regelmässig. Die einzige Ausnahme bildet das Metrum. Der Versfuss wechselt von Vers zu Vers. Der Autor weicht dort bewusst von der formalen Strenge ab, um traditionelle jiddische und moderne Elemente miteinander zu verbinden.
Mir gefällt Lajser Ajchenrands Gedicht „Ein altes Wiegenlied“ sehr gut. Der Autor schildert darin die Ermordung seiner Schwester Etka durch die Nationalsozialisten. Etka steht dabei stellvertretend für alle Juden, welche während des Holocaust getötet wurden. Das lyrische Ich symbolisiert demnach nicht nur den Autor, sondern alle Überlebenden der Schoah. Die tote Mutter muss der Ermordung ihrer Tochter zusehen, ohne etwas tun zu können. Sie beweint deren Tod und singt ihr ein altes Wiegenlied. Das Gedicht erscheint dem Leser tief durchlebt und durchlitten. Es lässt erahnen, wie sehr Lajser Ajchenrand seine Mutter und seine Schwes-ter geliebt und betrauert haben muss. Ihre Ermordung durch die Nazis und das eigene Überleben waren tiefe Einschnitte in seinem Leben. Das Gedicht „Ein altes Wiegenlied“ kreist jedoch nicht nur um den Verlust seiner Angehörigen, sondern wirft auch eine radikale Frage auf: Ist Gott angesichts des Holocaust überhaupt noch denkbar? Lajser Ajchenrands Lyrik ist einzigartig, da sie traditionelle jiddische Dichtungsarten mit der Metaphorik des Symbolismus verbindet. Auf diese Weise hat Ajchenrand die jiddische Dichtung der modernen westeuropäischen Poesie angenähert. Am 12. November 1985 verstarb Lajser Ajchenrand im Alter von 74 Jahren in Männedorf/Zürich.

Verfasser/in hinauf

Stefanie Bertschi , Neue Kantonsschule Aarau (4a), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

.

-- PascalFrey - 22 Apr 2007

-- StefanieBertschi - 11 May 2007