Andreas Gryphius (1616-1664): Abend (1690)

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Gedichttext hinauf

Andreas Gryphius
Abend

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck; Wo Tier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich, zu der glieder Kahn.
Gleich wie dies licht verfiel so wird in wenig Jahren
Ich, du, und was man hat, und was man sieht, hinfahren.
Dies Leben kömmt mir vor als eine renne bahn.

Lass höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Lass mich nicht ach, nicht pracht, nicht lust, nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir

Lass, wenn der müde Leib entschläfft, die Seele wachen
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen
So reiss mich aus dem Thal der Finsterniß zu dir.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Gryphius, Andreas
Titel: Abend
Thema: Einsamkeit
Gedichtform: Sonett
Erscheinungsjahr: 1690
Zeilen: 14
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Rezensent/in: Patrik Dober
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Interpretation und Analyse

Das Gedicht „Der Abend“ wurde von Andreas Gryphius zwischen 1600 und 1650 geschrieben. Das in Sonett-Form verfasste Werk stammt somit aus der Zeit des Barocks, was vor allem an der verbreiteten Vorstellung der Vergänglichkeit sehr schön abgelesen werden kann. Die Epoche des Barocks war für die Menschen keine schöne Zeit. Es gab viel Krieg und Not. Deshalb verwundert es nicht, dass in Gedichten aus dem Barock Gefühle von Depression und Gedanken an den Tod durchschimmern. Das Gedicht ist als Sonett in Form eines Alexandriners verfasst, was man am Aufbau aus zwei Vierzeilern und zwei Dreizeilern erkennt. Insgesamt ist der Aufbau sehr geordnet und formal gehalten. Der Autor hat hier ganz klar auf Experimente verzichtet. Die einzelnen Verse präsentieren sich jeweils als jambische Sechsheber. Die durchgehend verwendeten Klammerreime bestätigen die klare Struktur.

Der Inhalt ist in zwei verschiedene Abschnitte unterteilt. In den ersten zwei Strophen schreibt Gryphius über die Einsamkeit, die Vergänglichkeit des Lebens und wie sich die Menschen langsam zum Tod hinbewegen. Das Leben scheint dem Autor dabei sehr schnell vorbeizugehen (Vers 8: Das Leben kömmt mir vor als eine renne Bahn) Im zweiten Abschnitt wendet sich der Verfasser direkt an Gott und bittet diesen, ihm beim Bewältigen des Lebens zu helfen und ihn keinesfalls gleiten zu lassen. In der letzten Strophe macht er klar, dass er seine Zeit nach dem Tode gern bei Gott im Himmel verbringen würde. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass das Leben zur Zeit des Barocks sehr hart gewesen sein muss. Die Menschen sehnten sich regelrecht nach dem schönen Leben nach dem Tod. Das Gedicht erinnert mich an einen Hilferuf an Gott. Der Verfasser scheint verzweifelt, er möchte sein schreckliches Leben hinter sich bringen und möglichst schnell zu Gott ins Jenseits gelangen. Das Werk beinhaltet alle wichtigen Merkmale des Barock. Es spricht dem Volk, das den 30- jährigen Krieg miterlebt hat, aus dem Munde, handelt vom Tod und der Vergänglichkeit und ist in Sonett-Form geschrieben.

Verfasser/in hinauf

Patrik Dober, Neue Kantonsschule Aarau (4A), hat drei weitere Favoriten:

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