Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848): Der Knabe im Moor (1841)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Der Knabe im Moor

O schaurig ists übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt im Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ists übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre wars fürchterlich,
Oh schaurig wars in der Heide!

Annette,von Droste-Hülshoff

Quelle:
hier klicken

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Droste-Hülshoff, Annette von
Titel: Der Knabe im Moor
Thema: Landschaft
Erscheinungsjahr: 1841
Zeilen: 48
Link: hier
Rezensent/in: Florian Baumgarner
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

„Der Knabe im Moor“ (1841) lautet der Titel eines der wohl berühmtesten Gedichte der wichtigen, deutschen Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Sie wird der Epoche des Biedermeier (1815-1848) zugeordnet. Annette von Droste-Hülshoff führte ein zurückgezogenes Leben und kränkelte oft. Sie versuchte deshalb nie, mit der Schriftstellerei ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch war sie sich auch nicht bewusst, dass sie mit ihren zahlreichen Balladen und Novellen echte Kunst schuf, die später noch Bedeutung hatten.

Das Gedicht umfasst 48 Zeilen, was eine typische Länge für eine Ballade ist. Es enthält ein sehr spezielles, unbenennbares Reimschema, was auf die Intelligenz der Autorin zurückzuführen ist. Die Balladen erzählen ja immer eine ganze Handlung mit einem Anfang, einem Aufbau und einer Auf- oder Erlösung. Diese Ballade von Droste-Hülshoff zeigt diese Einteilung exemplarisch. Man wird in der ersten Strophe ins Gedicht eingeführt. Es wird die Moorlandschaft beschrieben, mit all ihren Schaurigkeiten. Mit der zweiten Strophe beginnt die Handlung. Ein Kind (Z. 9) geht übers Moor. Mit den folgenden drei Strophen wird die Handlung vorangetrieben und es wird dramatischer. Das Moor wirkt immer unheimlich und beginnt zu leben. Das Moor pfeift (Z. 28) und die Fähre nickt (Z. 18). In der sechsten und letzten Strophe kommt der Knabe endlich zu Hause an und die Handlung und somit die Ballade ist beendet.

Da das Gedicht ein man könnte schon fast sagen Naturschauspiel behandelt, würde es besser in die Epoche der Romantik passen. Es beschreibt, wie die Natur, in diesem Falle diese Moorlandschaft, auf den Menschen wirken kann. Sie ist schaurig schön und beginnt fast zu leben. Als der Junge, der des Nachts auf seinem Heimweg übers Moor gehen muss und selber schon sehr ängstlich und vor allem abergläubisch ist, beherrscht ihn die Natur, die Landschaft und drängt ihn, schneller zu laufen (Z. 25/26). Zu jener Zeit gab es mit Sicherheit keine Wegbeleuchtung und so erscheint die Landschaft natürlich noch unheimlicher. Er sieht dann plötzlich den Weberknechten, eine unter vielen Gestalten aus dem Fegefeuer. Das lässt Rückschlüsse auf eine sehr religiöse Gesellschaft ziehen. Dies wird durch die erwähnte Fiebel (Z. 9), welche das Kind unter dem Arm trägt noch bestätigt. Weiter kann man sagen, dass diese Leute sich manch Naturphänomen noch nicht erklären konnten und ein Moor deshalb von vielen Geheimnissen umwoben war.

Ein Moor hatte immer diesen Ruf der Ungewissheit und Unheimlichkeit. Dieser Ruf bestand noch bis lange nach dem Gedicht und kommt in vielen anderen Erzählungen und Landschaftsbeschreibungen immer wieder vor. Annette von Droste-Hülshoff bedient sich also hiermit einem bereits vielverwendeten Material, um eine Spannung aufzubauen. Sie beschreibt einen Zustand der Angst, den jeder schon einmal gespürt hatte und holt dem Leser ein Schaudern ins Wohnzimmer.

Verfasser/in hinauf

Florian Baumgartner , Neue Kantonsschule Aarau (G 4A), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

hier