Ingeborg Bachmann (1926-1973): Reklame (1956)

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Gedichttext hinauf

INGEBORG BACHMANN

Reklame

wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt



Quelle:
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Vorgelesen:
http://courseweb.stthomas.edu/paschons/language_http/courses/INGR13005S11999/bachmann1.mp3 (gegen Ende wird Gedicht erst vorgelesen!)

Kurzinformation hinauf

Autor/in: Bachmann Ingeborg
Titel: Reklame
Thema: Nachkriegszeit
Erscheinungsjahr: 1956
Zeilen: 20
Link: hier
Rezensent/in: Corinne Hasler
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Reklame“ von Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) erschien 1956, in der Zeit nach dem „grossen Schauer“, im Gedichtband „Ausrufung des Grossen Bären“. Die bekannte österreichische Schriftstellerin thematisiert auf eindrückliche Weise die Tatsache der Problemlösung durch Problemverdrängung. Im Gedicht sind gegensätzliche Pole vorhanden. Dies ist schon auf den ersten Blick erkennbar, denn die kursiven Einschübe erregen sogleich die Aufmerksamkeit des Lesers. Die ineinander verzahnten Textebenen äussern sich in zwei Stimmen: einer Fragenden und einer Beruhigenden. Dennoch kommt kein Dialog zustande, denn die fragende, erste Stimme zeigt keine Reaktion auf die beschwichtigenden Fragmente der zweiten. Den Worten „dunkel“ und „kalt“ (V.3), ist zu entnehmen, dass sich die erste Stimme fürchtet und „wohin“ (V.1) und „wenn“ (V.3) deuten auf eine Zukunftsangst hin. Dazu kommt, dass diese erste Stimme im Plural redet („wir“ (V.1)), woraus sich schlies-sen lässt, dass sie für eine Gemeinschaft spricht und nicht alleine ist.

Das Gedicht ist zusammen geschrieben ohne Abschnitte, wobei der letzte Vers nach unten versetzt ist. Strophen im eigentlichen Sinne sind nicht vorhanden und Satzzeichen wurden weggelassen. Es besitzt weder Reimschema noch Versmass. Vielmehr ist dieses Gedicht ein bemerkenswertes Beispiel lyrischer Montagetechnik.

Die kursiven Scheinantworten stellen die verleumderischen Werbesprüche der kommerziellen Welt dar. Es tönt wie aus Lautsprechern - eindringlich werden die Slogans wiederholt, um sich besser einprägen zu lassen. Doch sie unterbrechen den Lesefluss und verunmöglichen ein klares Denken. Dies führt dazu, dass von entscheidenden Fragen der Gegenwart abgelenkt wird. Denn ohne Zwischenkom-mentare ergibt sich: „Wohin aber gehen wir wenn es dunkel und wenn es kalt wird, aber was sollen wir tun und denken angesichts eines Endes und wohin tragen wir unsere fragen und den Schauer aller Jahre, was aber geschieht wenn totenstille eintritt?“

Das lyrische Ich kann zunächst nicht glauben, dass jetzt alles besser wird, wie die Reklame, die „traumwäscherei“ (V.16), es ihr vorhält. Doch durch den immer stärker werdenden Einfluss verstummt auch diese Person und das Gedicht endet mit dem „eintritt“ (V.20) in die Traumwelt der Werbung.

Ingeborg Bachmann „reklamiert“ in ihrem Gedicht über die Wirtschaftswunderzeit nach dem zweiten Weltkrieg, welche die Kriegsangst, statt sie zu verarbeiten, nur verdrängt haben soll.

Verfasser/in hinauf

Corinne Hasler, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

-- CorinneHasler - 06 May 2007