Kurt Bartsch (1937): Adolf Hitler ganz allein (1985)

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Gedichttext hinauf

KURT BARTSCH
Adolf Hitler ganz allein

Adolf Hitler, ganz allein
Baute er die Autobahn
Keiner trug ihm einen Stein,
Keiner rührte Mörtel an.

Keiner half ihm, als den Krieg
Er vom Zaun gebrochen.
Dennoch dauerte der Krieg
Fast dreihundert Wochen

Adolf Hitler ganz allein
Hackte Holz, trug Kohlen,
Heizte dann die Öfen ein
In Auschwitz, fern in Polen.

Keiner hat es kommen sehn,
Jeder hielt sich ferne.
Alle ließen es geschehn,
Aber, ach, nicht gerne.

Adolf Hitler ganz allein
Musste sich erschießen.
Außer ihm hatte kein Schwein
Einen Grund, zu büßen.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Bartsch, Kurt
Titel: Adolf Hitler ganz allein
Thema: Schuldzuweisung
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1984
Zeilen: 20
Link: hier
Rezensent/in: Franziska Anyiam
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Kurt Bartsch wurde 1937 in Berlin geboren. Nach der Teilung Deutschlands wohnte er in der DDR, besuchte dort das Gymnasium und arbeitete danach auf verschiedenen Berufen. 1964 begann er ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED brach er aber das Studium ab. 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, weil er eine Protestnote an Erich Honecker geschrieben hatte. Danach wanderte er 1980 mit einem Dauervisum in die BRD aus.

Das Gedicht „Adolf Hitler ganz allein“ wurde 1984 geschrieben und 1985 im Gedichtband „Weihnacht ist und Wotan reitet“ veröffentlicht. Es behandelt ein Thema, welches offensichtlich zur Kriegs- oder Nachkriegsliteratur gehört. Die Ballade besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen. Das Versmass ist ein Trochäus mit vier Hebungen, doch jeder Vers endet auf eine männliche Kadenz, wodurch die letzte Senkung wegfällt. Das ganze Gedicht ist im Kreuzreim geschrieben.

Dieses Gedicht schildert das deutsche Unschuldsbewusstsein in der Nachkriegszeit. Es zeigt auf, wie Deutschland die Verantwortung für alle Verbrechen, die im Krieg begangen worden waren, auf Hitler abschob und sich selbst für unschuldig befand. Durch das Wiederholen des Eingangsverses in der dritten und fünften Strophe wird diese anklagende Haltung noch verdeutlicht – immer wieder wird betont, dass alles Geschehene „Adolf Hitler ganz allein“ zuzuschreiben ist.

Dieses lyrische Lehrstück muss sich aber nicht nur auf Deutschland und das NS-Regime beziehen, sondern lässt sich auch klar auf die ganze Geschichte der Menschheit und auch auf die heutige Gesellschaft anwenden, denn überall findet man Beispiele, an denen sich zeigt, dass der Mensch dazu neigt, stets die Schuld von sich zu weisen und andere einer Handlung zu bezichtigen. Diese menschliche Schwäche soll dem Leser auf sarkastische Weise verdeutlicht werden.

Verfasser/in hinauf

Franziska Anyiam, Neue Kantonsschule Aarau (2004B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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