WERNER BERGENGRUEN (1892-1964): Die Letzte Epiphanie (1945)

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Gedichttext hinauf

Werner Bergengruen
Die Letzte Epiphanie

Ich hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde geistesgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füssen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Bergengruen, Werner
Titel: Die Letzte Epiphanie
Thema: Glanz und Misere Deutschlands
Gedichtform: -
Erscheinungsjahr: 1945
Zeilen: 20
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Rezensent/in: Nadja Walti
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Werner Bergengruen (1892-1964), der Verfasser des Gedichts, lebte in Deutschland zu Zeiten des 3.Reiches. Während des 2.Weltkrieges blieb Bergengruen bis 1942 in Deutschland. Als sein Haus in München zerstört worden war, zog er ins Tirol. Er war ein Verfechter des Antifaschismus und sein Werk „Die Letzte Epiphanie“, verfasst im Jahre 1945, gehört zur Literatur der Inneren Emigration. Diese Literatur war die Waffe derjenigen, welche in Deutschland verblieben waren und in geistiger Opposition gegen das Naziregime standen.
Das Gedicht handelt von der Erscheinung Gottes. Gott erscheint den Menschen in verschiedenen Gestalten. Er will sie auf begangene Fehler hinweisen und ihnen die Gelegenheit geben zu zeigen, dass sie es besser können. Das Problem besteht darin, dass die Menschen Gott nicht als solchen erkennen. Weswegen ihm schlussendlich nur noch die Möglichkeit bleibt, sie zu bestrafen: „Nun komm ich als Richter “.
Das ganze Gedicht besteht ohne Ausnahme aus Kreuzreimen. Ebenfalls konstant ist die Kadenz, sie ist fortwährend alternierend. Das klingt nach einem regelmässigen Gedicht, doch ein festes Metrum sucht man vergebens. Einzig die vier Betonungen pro Verszeile sind kontinuierlich.
Die Menschen werden vom expliziten lyrischen Ich durchgehend direkt angesprochen. Das löst eine gewisse Betroffenheit beim Leser aus, der ja selber ein Mensch ist. Mit Hilfe eines Oxymorons betont der Dichter auf Zeile 10 die Hilflosigkeit der Gestalt, in der Gott erschien. Auffallend ist die Antithese des Ich und Ihr. Der Sprecher unterscheidet ganz klar zwischen dem, was er (Ich) gemacht hat, und dem, was die anderen (Ihr) verbrochen haben. Der klagende Ton des Ichs wird immer stärker mit fortlaufendem Gedicht, bis der Sprecher schlussendlich zum Richter wird. Diese Klimax kann man auch in der Wortwahl beobachten, auf Zeile 18 steigert sie sich von "verschleppt" über "verkauft" bis hin zu "zerfetzt".
Zerfetzt werden sollte mit diesem Werk auch das Naziregime. Wird in diesem Gedicht proklamiert, die Menschen missbrauchen Gottes Wort um Missetaten zu rechtfertigen, so kann dies leicht als Andeutung auf die Nazis gesehen werden, unter denen es nach dem 2.Weltkrieg nicht wenige gab, die aussagten, nur so grausam gehandelt zu haben, weil es die Regierung ihnen vorgeschrieben hatte. Dieses Gedicht war Bergengruens verschlüsselte Waffe gegen das Naziregime, da alles unter einem christlichen Deckmantel geschrieben war, konnte niemand das Gedicht verbieten, denn dies hätte an Gotteslästerung gegrenzt.

Verfasser/in hinauf

Nadja Walti, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

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