VORNAME NAME (Geburtsjahr-Todesjahr): Gedichttitel (Entstehungsjahr)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Bertolt Brecht
An die deutschen Soldaten im Osten

Brüder, wenn ich bei euch wäre
Auf den östlichen Schneefeldern einer von euch wäre
Einer von euch Tausenden zwischen den Eisenkärren
Würde ich sagen, wie ihr sagt: Sicher
Muss da ein Weg nach Hause sein.

Aber, Brüder, liebe Brüder
Unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale
Würde ich wissen, was ihr wisst: Da
Ist kein Weg nach Haus mehr.

Auf der Landkarte im Schulatlas
Ist der Weg nach Schmolensk nicht grösser
Als der kleine Finger des Führers, aber
Auf den Schneefeldern ist er weiter
Sehr weit, zu weit

Der Schnee hält nicht ewig, nur bis zum Frühjahr.
Aber auch der Mensch hält nicht ewig. Bis zum Frühjahr
Hält er nicht.

Also muss ich sterben, das weiss ich
Im Rock des Räubers muss ich sterben
Sterbend im Hemd des Mordbrenners.
Als einer der vielen, als einer der Tausende
Gejagt als Räuber, erschlagen als Mordbrenner.

Brüder, wenn ich bei euch wäre
Mit euch trottete über die Eiswüsten
Würde ich fragen, wie ihr fragt: Warum
Bin ich hierhergekommen, von wo
Kein Weg mehr nach Hause führt?

Warum habe ich den Rock des Räubers angezogen?
Warum habe ich das Hemd des Mordbrenners angezogen?
Das war doch nicht aus Hunger
Das war doch aus Mordlust nicht.

Nur weil ich ein Knecht war
Und es mir geheissen wurd
Bin ich ausgezogen zu morden und zu brennen
Und muss jetzt gejagt werden
Und muss jetzt erschlagen werden.

Weil ich eingebrochen bin
In das friedliche Land der Bauern und Arbeiter
Der grossen Ordnung, des unaufhörlichen Aufbaus
Niedertrampelnd und niederfahrend Staat und Gehöfte
Auszurauben die Werkstätten, die Mühlen und Dammbauten
Abzubrechen den Unterricht der tausend Schulen
Aufzustören die Sitzungen der unermüdlichen Räte:

Darum muss ich jetzt sterben wie eine Ratte
Die der Bauer ertappt hat.

Dass von mir gereinigt werde
Das Gesicht der Erde
Von mir Aussatz! Dass ein Exempel statuiert werde
An mir für alle Zeiten, wie verfahren werden soll
Mit Räubern und Mordbrennern
Und den Knechten von Räubern und Mordbrennern.

Dass da Mütter sageb, sie haben keine Kinder.
Dass da Kinder sagen, sie haben keine Väter.
Dass da Erdhügel sind, die keine Auskünfte geben.

Und ich werde nicht mehr sehen
Das Land, aus dem ich gekommen bin
Nicht das Meer, nicht die märkische Heide, die Föhre nicht
Noch den Weinhügel am Fluss im Frankenland.
Nicht in der grauen Frühe, nicht am Mittag
Und nicht, wenn der Abend herabsteigt.

Noch die Städte und die Stadt, wo ich geboren bin.
Nicht die Wekbänke, und auch die Stube nicht mehr
Und den Stuhl nicht.

All das werde ich nie mehr ehen.
Und keiner, der mit mir ging
Wird das alles noch einmal sehen.
Und ich nicht und du nicht
Werden die Stimme der Frauen und Mütter hören
Oder den Wind über dem Schornstein der Heimat
Oder den fröhlichen Lärm der Stadt oder den bitteren.

Sondern ich werde sterben in der Mitte der Jahre
Ungeliebt, unvermisst
Eines Kriegsgerät törichter Fahrer.

Unbelehrt, ausser durch die letzte Stunde
Unerprobt, ausser beim Morden
Nicht vermisst, ausser von den Sschlächtern.

Und ich werde unter der Erde liegen
Die ich zerstört habe
Ein Schädling, um den es nicht schad ist.
Ein Aufatmen wird an meiner Grube sein.

Denn was wird da eingescharrt?
Ein Zentner Fleisch in einem Tank, das bald faul wurde.
Was kommt da weg?
Ein dürrer Strauch, der erfroren ist
Ein Dreck, der weggeschaufelt wurde
Ein Gestank, den der Wind wegwehte.

Brüder, wenn ich jetzt bei euch wäre
Auf dem Weg zurück nach Smolensk
Von Smolensk zurück nach nirgendwohin

Würde ich fühlen, was ihr fühlt: immer schon
Habe ich es gewusst unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale
Dass schlecht nicht gut ist
Dass zwei mal zwei vier ist
Und dass sterben wird, wer mit ihm ging
Dem blutigen Brüllenden
Dem blutigen Dummkopf

Der nicht wisste, dass der Weg nach Moskau lang ist
Sehr lang, zu lang.

Dass der Winter in den östlichen Ländern kalt ist
Sehr kalt, zu kalt.
Dass die Bauern und Arbeiter des neuen Staates
Ihre Erde und ihre Städte verteidigen würden
So dass wir alle vertilgt werden.

Vor den Wäldern, hinter den Kanonen
In den Strassen und in den Häusern
Unter den Tanks, am Strassenrand
Durch die Männer, durch die Weiber, durch die Kinder
In der Kälte, in der Nacht, im Hunger

Dass wir alle vertilgt werden
Heute oder morgen oder am nächsten Tag
Ich und du und der General, alles
Was hier gekommen ist, zu verwüsten
Was von Menschenhand errichtet wurde.

Weil es eine solche Mühe ist, die Erde zu bebauen
Weil es so viel Schweiss gekostet, ein Haus aufzustellen
Die Balken zu fällen, den Plan zu zeichnen
Die Mauer aufzuschichten, das Dach zu decken.
Weil es so müde machte, weil die Hoffnung so gross war.

Tausend Jahre war nur ein Gelächter
Wenn die Werke von Menschenhand angetastet wurden.
Aber jetzt wird es sich herumsprechen auf allen Kontinenten:
Der Fuss, der die Felder der neuen Traktorenfahrer zertrat
Ist verdorrt.
Die Hand, die sich gegen die Werke der neuen Städtebauer erhob
Ist abgehauen.

Quelle:
hier klicken

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brecht, Bertolt
Titel: An die Deutschen Soldaten im Osten
Thema: Krieg, Tod, Schuld
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1942
Zeilen: 127
Link: hier
Rezensent/in: Maria Padrutt
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das von Bertolt Brecht (1889-1956) im Jahre 1942 verfasste Gedicht ist geprägt von der hoffnungslosen Stimmung in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges. Da Brechts Literatur nicht den Anforderungen der Blut-und-Boden-Dichtung unterlag, musste er 1933 unter Androhung des Todes Deutschland verlassen, weshalb er sein Werk im Exil verfasste. Als grosser Kritiker des Hitler-Regimes machte er sich vor allem den Kampf gegen dieses zur Aufgabe. Dies und die Thematisierung des für das deutsche Heer destruktiven Russlandfeldzuges sind typische Merkmale der deutschen Exilliteratur, welche ihren Höhepunkt zwischen 1933 bis 1945 erreichte.

Im Zentrum des Gedichts stehen die deutschen Soldaten des Russlandfeldzuges, welche an der Front die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkennen. Das daheimgebliebene explizite lyrische Ich verschmilzt immer mehr mit den Soldaten, bis es sich schliesslich selbst im eisigen Winter Russlands befindet. Dabei stellt es fest, dass sie alle von Knechten zu Mördern geworden sind und, dem Tode geweiht, nie mehr ihre Heimat sehen werden.

Weder das Metrum noch das Reimschema und die Gedichtform können klar definiert werden. Indem Brecht sich bezüglich Form an keinerlei Vorgaben hält und hauptsächlich den Hakenstil verwendet, widerspiegelt er das Chaos des Krieges. Durch den bewussten Gebrauch des Zeilenstils zwingt er den Leser dort Pausen einzulegen, wo er ihn die Schwere des Gedichtes noch intensiver fühlen lassen will. Ebenso gebraucht er prägnante Metaphern wie: „Das von mir gereinigt werde das Gesicht Erde von mir Aussatz!“(Z.47ff). Durch die Heftigkeit der Wortwahl und das Ausrufezeichen lässt Brecht darauf schliessen, dass die Soldaten sich schliesslich selbst als auszurottende Seuche verstehen.

Besonders interessant gestaltet sich der historische Kontext des Gedichtes, da dieses zur Zeit der Rückeroberung der Stadt Smolensk durch die Rote Armee verfasst wurde. Das Jahr 1942 gilt demnach als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg und läutet den Anfang vom Ende des Dritten Reiches ein. Obwohl die Niederlage der deutschen Armee unausweichlich war, verbot Hitler den Soldaten den Versuch eines Ausbruches aus der russischen Einkesselung. In diesem Gedicht schildert Brecht also die Tragödie der deutschen Soldaten und indirekt diejenige des deutschen Volkes, welche von ihrem Führer im Stich gelassen wurden.

Ausschlaggebend für ein sich der Obrigkeit so widersetzendes Gedichtes war sicherlich, dass Brecht als Kommunist und Pazifist propagandistisch gegen den Nationalsozialismus vorgehen wollte. Am Ende des Gedichtes prophezeit er sogar schon den Untergang des Dritten Reiches. Ebenso inspiriert wurde er vom Fronteinsatz seines ältesten Sohnes im Russlandfeldzug. Folglich könnte der Anruf „Brüder“ (Z.1,724...) durch Sohn ersetzt werden.

Verfasser/in hinauf

Maria Padrutt, Neue Kantonsschule Aarau 3B, hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

.