Bertolt Brecht (1898-1956): An die Nachgeborenen (1938)

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Gedichttext hinauf

Bertolt Brecht
An die Nachgeborenen

I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: Ich verdiene nur noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: Iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdursteten fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brecht, Bertolt
Titel: An die Nachgeborenen
Thema: Krieg
Erscheinungsjahr: 1938
Zeilen: 75
Link: hier
Rezensent/in: Esther Laurencik
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Bertolt Brecht, einer der bedeutendsten Exildichter Deutschlands, verfasste dieses Gedicht 1938 in Dänemark. Der Autor war seit 1926 ein bekennender Anhänger des Marxismus. Seine schriftstellerische Tätigkeit befasste sich vehement mit sozialistisch-kommunistischer Gesellschaftskritik. Das Gedicht entstand im Bestreben, die gegenwärtigen Verhältnisse zu beleuchten (Nationalsozialismus), aber auch jene der Vergangenheit und Zukunft. Dadurch wird klar, dass man es nicht nur von einem antifaschistischen, sondern auch von einem antikapitalistischen Standpunkt aus interpretieren kann.

Der Inhalt des Gedichts beschäftigt sich zuerst mit der Gesellschaft allgemein, wie sie damit umgeht, wenn Unrecht geschieht und wie sie jenem den Rücken kehrt. Im zweiten Abschnitt wechselt Brecht die Perspektive, er lässt das lyrische Ich sprechen, welches von seiner persönlichen Situation erzählt, wie es um sein Überleben kämpft und sich durchmogelt. Es spricht vom Glück, davongekommen zu sein, doch weiss es, dass dieses Glück nur ein Zufall ist. Es betrachtet das Elend der Anderen und bedauert ihren Umstand. Es macht ihm zu schaffen, dass es zu schwach ist, um diese Ungerechtigkeit zu verhindern.
Folgendermassen richtet sich dann das lyrische Ich direkt an den Leser, beziehungsweise an jene Nachgeborenen, auf welche sich der Titel bezieht. Er bittet sie, die Schwachheit der Menschen mit Nachsicht zu behandeln und nicht voreilig zu urteilen, denn sie hatten nicht das Pech in jenen finsteren Zeiten leben zu müssen.

Das Gedicht besticht durch seine klare und verständliche Sprache. Es besitzt kein Reimschema und keine eindeutige Gedichtform. Vielmehr könnte man es mit einem Gedankenfluss vergleichen. Das Gedicht besitzt 75 Zeilen. Interessant ist die rhetorische Figur der Inversion, beginnend in der Zeile 8. Sie schildert eine gängige Situation im dritten Reich. Durch die Umkehrung der geläufigen Satzstellung, wird jener Mensch dargestellt, welcher ruhigen Gewissens über die Strasse geht, jedoch gleichzeitig seine Freunde verraten und möglicherweise in den Tod getrieben hat.
Die Zeilen 7 bis 9 wurden berühmt, und wurden oft zitiert. Brecht beschreibt hier die Perversion, dass sich etliche beispielsweise noch immer der Naturdichtung verschreiben, wobei sie die begangenen oder vielleicht noch bevorstehenden Gräueltaten verschweigen. Für Brecht war klar, dass die Dichtung eine neue Sprache finden und sich nun mit anderen (politischen) Themen befassen musste.
Somit lässt sich zur Deutung sagen, dass sich dieses Gedicht vor allem mit der Forderung nach gesellschaftlichem Engagement, aber auch der bewussten Verarbeitung von Kriegserfahrungen befasst. Brecht, der selber im Widerstand tätig war, litt darunter, dass sich das Übel des Nationalsozialismus nicht abwenden liess. In der letzten Strophe skizziert er seine Idealvorstellung von einer Welt, welche sich auszeichnet mit Freundschaft, Toleranz und Friede.

Verfasser/in hinauf

Esther Laurencik, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- EstherLaurencik - 23 Feb 2007