Bertold Brecht (Geburtsjahr-Todesjahr): DerRadwechsel (1953)

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Gedichttext hinauf

BEROLT BRECHT
Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
mit Ungeduld?

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brecht, Bertold
Titel: Der Radwechsel
Thema: Politische Veränderung
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1953
Zeilen: 6
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Rezensent/in: Lukas Dober
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Der sachliche Titel „Der Radwechsel“ lässt eine nüchtere Beschreibung eines technischen Vorgangs vermuten. Unterstützt wird dieser Gedanke durch die sehr einfache, kompakte Darstellung des sechszeiligen Gedichts. Die ersten zwei Zeilen beschreiben die Situation. Das lyrische Ich sitzt am Strassenhang und schaut zu, wie der Fahrer das Rad wechselt (1-2). Die nächsten zwei Zeilen geben das Innere des „Ichs“ wider. Es ist nicht gern, wo es herkommt und es ist nicht gern, wo es hingeht (3-4). Am Schluss dieses überaus kurzen Gedichts stellt das Ich die Frage: „Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“ (5-6). Diese Wendung des Gedichts überrascht, hätte man doch die sachliche Darstellung eines Radwechsels erwartet.

Das Gedicht ist auch in seiner Form ungewöhnlich. Es besitzt kein festes Versmass, die Kadenz wechselt und es lassen sich keine Reime erkennen. Man ist fast geneigt zu sagen, das Gedicht sei ein lyrischer Prosatext. Die einfache Darstellung untermauert die Aussage des Gedichts. Nicht die Physiognomie ist wichtig, der Inhalt allein ist entscheidend. Genauso wie es der Beobachter vormacht, erst sieht er nur den arbeitenden Fahrer, dann beginnt er nachzudenken. Ebenso das Gedicht selbst, die Titel deutet auf eine Beschreibung hin, der Inhalt handelt jedoch vom Inneren des Beobachters.

Das 1953 verfasste Gedicht lässt erahnen, dass darin eine politische Aussage gemacht werden soll. Dazu passt, dass das lyrische Ich wahrscheinlich Bertolt Brecht selbst ist. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ist die Gesellschaft geprägt von den politischen Veränderungen. Die Politik wechselt vom Faschismus zum Sozialismus – und Brecht, der von 1898 bis 1956 in Deutschland gelebt hat, sieht diese Veränderung aus einer neutralen Lage, wie der Beobachter des Radwechsels am Strassenhang. Der Radwechsel symbolisiert dabei die Veränderung von der Vergangenheit (Faschismus) zur nahenden Zukunft (Sozialismus). Brecht ist kein Anhänger beider politischen Zustände und ist daher nicht gern, wo er herkommt und wo er hingeht und beschreibt dies mit einem Parallelismus. Er ist mit beiden Zuständen nicht zufrieden und fragt sich berechtigterweise, warum er den Radwechsel (Politische Ver-änderung) mit Ungeduld sieht? „Mit Ungeduld?“ erhält durch ein Enjambement eine besonders starke Gewichtung. Ungeduld deutet meist auf Zeitmangel hin. Das „Ich“ sitzt jedoch am Strassenhang und hat genug Zeit um sich die Frage zu stellen, warum sie ungeduldig sei. Das bedeutet, dass das „Ich“ nicht so gegen die Zeit ankämpft, wie es zu sein scheint. Brecht besitzt demnach auch noch in dieser trübseligen Lagen Hoffnung, dass es einmal anders sein wird als vor und nach dieser Veränderung.

Verfasser/in hinauf

Lukas Dober, Neue Kantonsschule Aarau (4A), hat drei weitere Favoriten:

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