BERTOLD BRECHT (1898-1956): Fragen eines lesenden Arbeiters (1935)

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Gedichttext hinauf

BERTOLD BRECHT
Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es soviele Male wieder auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?

Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brecht, Bertolt
Titel: Fragen eines lesenden Arbeiters
Thema: Aufklärung
Erscheinungsjahr: 1935
Zeilen: 28
Link: hier
Rezensent/in: ManuelWirz
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Bertolt Brecht (1898-1956) wird oft als einflussreichster deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Die Werke Bertolt Brechts wurden von den Nazis verbrannt, da dieser Sozialist war und sich zum Marxismus und damit zum Kommunismus bekannte. Das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wurde 1935 in Dänemark geschrieben, wo er sich seit seiner Flucht 1933 im Exil befand.

Der Inhalt des Gedichts handelt von der Geschichtsschreibung. Das lyrische Ich fragt sich, ob die grossen Taten von den Mächtigen allein vollbracht wurden. Dabei wird kritisiert, dass die Leistungen nur den Herrschern zugesprochen werden und nicht jenen, welche auch den grössten Aufwand betrieben.

In diesem Gedicht erkennt man weder Reimschema, noch ein Metrum. Brecht benutzt eine einfache Sprache, welche dazu dient, dass alle es verstehen. Er richtet sich mit diesem Gedicht vor allem an das „normale Fussvolk“, an die Arbeiter. Diese Gedichtsform sollte dazu dienen die Aussage des Gedichtes in den Vordergrund zu stellen.

Brecht will also mit diesem Gedicht die Arbeiter dazu bringen, sich zu bilden, zu lesen, zu hinterfragen und sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Jedoch will er auch eben jene Führungspersonen und auch die Geschichtsschreiber darauf aufmerksam machen, wie Ungerecht diese Betrachtungsweise ist. Bertold Brecht bezeichnet die Geschichtsschreibung als oberflächlich. Seiner Meinung nach müssten nicht nur vereinzelte Führungspersonen in die Geschichtsbücher aufgenommen werden. Vielmehr sollte gezeigt werden, dass niemand alleine erfolgreich ist. Der Personenkult entsprach nicht Brechts Vorstellungen, denn als Sozialist vertrat er die These, das Individuum sei dem Kollektiv untergeordnet.

Wie steht es denn eigentlich mit der Geschichtsschreibung heute…?

Verfasser/in hinauf

ManuelWirz, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

ManuelWirz - 05 Nov 2006