BERTHOLD BRECHT (1889-1956): Frühling 1938 (1938)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Berthold Brecht Frühling 1938

Heute, Ostersonntag früh
Ging ein plötzlicher Schneesturm über
die Insel.
Zwischen den grünenden Hecken lag
Schnee. Mein junger Sohn
Holte mich zu einem
Aprikosenbäumchen an der
Hausmauer
Von einem Vers weg, in dem ich auf
diejenigen mit dem Finger deutete
Die einen Krieg vorbereiteten, der
Den Kontinent, diese Insel, mein Volk,
meine Familie und mich
Vertilgen mag. Schweigend
Legten wir einen Sack
Über den frierenden Baum.

Über dem Sund hängt Regengewölke,
aber den Garten
Vergoldet noch die Sonne. Die
Birnbäume
Haben grüne Blätter und noch keine
Blüten, die Kirschbäume hingegen
Blüten und noch keine Blätter. Die
weißen Dolden
Scheinen aus dürren Ästen zu
sprießen.
Über das gekräuselte Sundwasser
Läuft ein kleines Boot mit geflicktem
Segel.
In das Gezwitscher der Stare
Mischt sich der ferne Donner
Der manövrierenden Schiffsgeschütze
Des Dritten Reiches.

In den Weiden am Sund
Ruft in diesen Frühjahrsnächten oft
das Käuzlein.
Nach dem Aberglauben der Bauern
Setzt das Käuzlein die Menschen
davon in Kenntnis
Daß sie nicht lang leben. Mich
Der ich weiß, daß ich die Wahrheit
gesagt habe
Über die Herrschenden, braucht der
Totenvogel davon
Nicht erst in Kenntnis zu setzen.

Quellenangabe:
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Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brecht, Bertolt
Titel: Frühling 1938
Thema: Krieg
Gedichtform: -
Erscheinungsjahr: 1938
Zeilen: 13
Link: hier
Rezensent/in: Nadine Walti
Schwierigkeit: mittel

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Frühling 1938“ wurde, wie es der Titel schon sagt, 1938 von Berthold Brecht verfasst. Brecht (1898 – 1956) kritisierte bereits in seiner Schulzeit die Politik, so schrieb er zum Beispiel einen pazifistischen Aufsatz, aufgrund dessen er beinahe von der Schule geworfen worden wäre. Der Dichter studierte Naturwissenschaften, Medizin und Literatur, musste das Studium jedoch abbrechen, weil er als Sanitätssoldat 1918 im Krieg eingesetzt wurde. Brecht befasste sich intensiv mit den marxistischen Lehren, was ihn zum überzeugten Kommunisten machte und ihn augrund der Situation in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg nötigte, ins Exil zu fliehen Sein ältester Sohn starb an der Front. Mit Blick auf diesen Lebenslauf verstehen wir zweifellos, dass Berthold Brechts Texte gefüllt sind mit Kritik an der Politik und an der Gesellschaft.

Die erste Strophe beginnt gleich mit „heute“, was den Leser weckt und ihn in die Gegenwart mitreisst. Der folgende Satz beschreibt einen Gegensatz von friedlichen Ostersonntag zum tobenden Schneesturm, ebenso im nächsten Satz, von der grünen Hecke und dem Schnee, ist ein Widerstand spürbar. Der Sohn des lyrischen Ichs bringt den Vater zum Aprikosenbäumchen, welcher zu diesem Zeitpunkt damit beschäftigt war, in literarischer Form Kritik an den Machern des Krieges auszuüben. Der Vater stellt fest, dass ein Krieg alles um sich herum, auch ihn, zerstören kann. Nun springt das Gedicht wieder geografisch zurück, wo Vater und Sohn den Baum, welcher aufgrund des Schneesturms friert, bedecken. Am Anfang der zweiten Strophe werden wir wieder in Kenntnis des Wetters gesetzt, so droht die Sonne durch den Regen verdeckt zu werden. Die Bäume haben entweder bereits Blüten oder Blätter, die Dolden sogar wachsen aus dürren Ästen. Danach wird vom Boot mit dem geflickten Segel gesprochen und in der Ferne hört man die Kanonen von Schiffsschlachten. Hier wird zum erstenmal klar gesagt, dass es sich um die Schiffe des Dritten Reiches handelt. In der dritten Strophe spricht das lyrische Ich vom Käuzlein, welches nach einem Aberglauben den Menschen das nahe Ende zwitschert. Das lyrische Ich jedoch sagt von sich selbst, dass es auch ohne das Käuzlein, nämlich aufgrund der aktuellen Herrschenden, wüsste, dass der Tod, bzw. das Unheil naht.

Das Gedicht enthält viele Enjambements und eine freies Versmass, Reime sind nicht vorhanden. Der Klimax „Den Kontinent, diese Insel, meine Volk, meine Familie und mich...“ steigert die Spannung und Ernsthaftigkeit der Situation. Das Paradoxon vom Ostersonntag und Schneesturm führt zu einem kognitiven Problem und regt somit zum denken an. Der Baum als Sinnbild ist eine Personifikation, erweckt Mitgefühl.

Schon im Titel ist der Widerspruch, welcher sich durch das ganze Gedicht hindurchzieht, spürbar. Frühling bedeutet, dass neues Leben erwacht, es ist auch die Zeit der Liebe und des Aufbruchs. Das Jahr 1938 lässt die Vorahnung des 2. Weltkrieges zu. Ostersonntag ist der Tag, des Gedenkens an die Auferstehung Christi, es ist ein fröhlicher Tag, und genau an diesem Tag weht der Schneesturm über das Land, was doch recht unnatürlich ist, für diesen Monat. Dies heisst, das genau der bevorstehende Krieg unpassend, und in einer Zeit des Fortschritts hineinplatzt. Er ist ein Rückschritt und zerstört alle Blüten, welche bereits blühen, er zerstört also alles, was der Menschen erforscht hat und was ihn human gemacht hat. Die Dolden sogar wachsen auf den dürren Ästen, welche mit dem ersten Weltkrieg oder mit der Weltwirtschaftskrise verglichen werden können. Hier hat das Volk oder die Menschheit die schlechten Zeiten überwunden und das Gute, eben die Dolden, können endlich wachsen, leider werden sie durch den Schneesturm umkommen, der Krieg zerstört alles wieder, was aufgebaut wurde. Das Aprikosenbäumchen steht für die Jugend, für die Zukunft. Der Baum friert, so hat auch die Jugend wenig Chancen um zu überleben, gerade sie müssen in den Krieg ziehen. Der lyrische Vater ist sich dessen bewusst und verbringt seine letzte Zeit mit dem Sohn. Der Vater selbst ist wohl Schriftsteller und kritisiert den Krieg. Diese Stelle hat sehr viel gemeinsam mit dem Leben von Brecht, da er ja selbst den Krieg kritisiert und sein Sohn ebenfalls an die Front musste. Am Schluss spricht das lyrische Ich von dem Herrschenden, welche Schuld sind, hier sind klar Hitler und die Nationalsozialisten gemeint.

Verfasser/in hinauf

Nadine Walti, Neue Kantonsschule Aarau (Schülerin) hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: www.stadtgymfw.de/schueler/projekte/deulk2002/fruehling.html
  • Quelle 2: www.gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema-heimatverlust-exil/brecht.htm