PAUL ADOLF BRENNER (1910-1967): Vorstadt-Karussell (vor 1964)

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Gedichttext hinauf

PAUL ADOLF BRENNER
Vorstadt-Karussell

Aus morschem Holz ein schwankendes Gestell.
Vom Dache baumeln Schaukeln an den Strängen,
zwei Männer drehn das kleine Karussell,
um das sich schmutzige Vorstadt-Kinder drängen.

Im Innern spielt ein alter, blinder Mann
auf seiner Orgel längst vergessene Weisen,
indes wie Engel Kinder um ihn kreisen...
Doch als sein Spiel von neuem er begann,

trat bettelnd vor mich hin ein bleicher Knabe
mit einem Lächeln wie aus Bildern her:
Ach, von den Plätzen blieb so mancher leer -

Doch von dem Geld, das ich gegeben habe,
kauft er sich Brot. Die Orgel spielte leis,
und leere Schaukeln fuhren hoch im Kreis.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Brenner, Paul Adolf
Titel: Vorstadt-Karussell
Thema: Kindheitserinnerungen, Mitleid, Armut
Gedichtform: Sonett
Erscheinungsjahr: vor 1964
Zeilen: 14
Link: hier
Rezensent/in: Stefanie Bertschi
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Der Schweizer Lyriker Paul Adolf Brenner wurde im Jahre 1910 in Zürich geboren, wo er den grössten Teil seines Lebens verbrachte. Die meisten seiner Werke stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Leider verstarb Paul Adolf Brenner, welcher mit seinen Gedichten auch über Zürichs Grenzen hinweg Anerkennung erlangte, bereits im Alter von 57 Jahren. Das Erscheinungsjahr des Gedichtes „Vorstadt-Karussell“ ist nicht genau bekannt, es entstand jedoch sicherlich in den Jahren vor 1964.

Das Sonett „Vorstadt-Karussell“ besteht aus vier Strophen zu zweimal vier und zweimal drei Zeilen. Das Reimschema (abab cddc eff egg) weist drei verschiedene Reime auf: Kreuzreim, umarmender Reim und Schweifenreim. Der Aufbau und die Form des Gedichtes sind also ziemlich abwechslungsreich. Einzig der Versfuss ist im ganzen Gedicht der Jambus, welcher fünf Hebungen aufweist. Die Wörter „schmutzige“ (erste Strophe) und „vergessene“ (zweite Strophe) werden durch eine zusätzliche Senkung hervorgehoben. Sie deuten auf das Elend in den Vorstädten hin, welche von der Welt vergessen sind.
Das Gedicht „Vorstadt-Karussell“ erzählt von der Begegnung des lyrischen Ichs mit einem bettelnden Knaben in der schmutzigen und heruntergekommenen Vorstadt, wo nur noch ein altes Karussell etwas Licht in den trostlosen Alltag bringt. Dieses kleine Karussell steht im Zentrum des Gedichtes. Obwohl es morsch und von Hand angetrieben ist, gelingt es ihm, sowohl die herumstehenden Kinder als auch das lyrische Ich ins Träumen zu versetzen. Vom Karussell ganz entzückt gibt das lyrische Ich dem bettelnden Knaben Geld für eine Fahrt. Erst als es bemerkt, dass sich der bleiche Junge damit ein Brot kauft, wird ihm die bittere Realität bewusst.

Das Gedicht „Vorstadt-Karussell“ von Paul Adolf Brenner verbindet Verzückung und Mitleid und gleichzeitig die Kluft zwischen Träumerei und Wirklichkeit ausgezeichnet. Das lyrische Ich sieht zwar das Leid des alten Mannes und der Kinder, dennoch betrachtet es die ganze Szene mit Entzücken und fühlt sich beim Anblick des Karussells an seine eigene Kindheit erinnert. Erst der bettelnde Knabe zeigt dem lyrischen Ich, dass die Vorstadt-Kinder in der Realität nicht engelsgleich, sondern hungrig sind, und mehr brauchen als bloss einen mitleidigen Blick. Das Gedicht löst auch im Leser eine melancholische und betroffene Stimmung aus. Mich beeindruckt ausserdem, dass eine solche Armut in der heutigen Schweiz kaum mehr vorstellbar ist. Doch vor fünfzig Jahren sah auch unser Land noch anders aus.

Verfasser/in hinauf

Main.Stefanie Bertschi, Neue Kantonsschule Aarau (4a), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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