Gottfried August Bürger (1747-1794): Der Bauer (1775)

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Gedichttext hinauf

GOTTFRIED AUGUST BÜRGER
Der Bauer

an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’ und Rachen haun?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? -

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg’ und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! -

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

Quelle:
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Vorgelesen:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Bürger, Gottfried August
Titel: Der Bauer
Thema: Anklage des absolutistischen Herrschers
Gedichtform: nicht eindeutig
Erscheinungsjahr: 1775
Zeilen: 18
Link: hier
Rezensent/in: Daniel Forrer
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Gottfried August Bürgers Gedicht „Der Bauer“ kann als typischer Vertreter eines frühen Sturm und Drang betrachtet werden. Es widerspiegelt die Anklage eines namenlosen Bauern an seinen ebenfalls namenlosen Tyrannen. Als Unterstützer der Französischen Revolution war Bürgers Einstellung gegenüber dem Adel immer sehr kritisch. In „Der Bauer“ bringt er seine Gefühle zur Situation des Volkes klar zum Ausdruck.

Die ersten drei Strophen setzen sich zusammen aus drei Fragen, die als Klagen des Bauern an den Fürsten gerichtet sind. Dabei verstärkt die Anapher „Wer bist du, (Fürst)“ diesen Eindruck. Der Bauer prangert grundsätzlich die ständigen Erniedrigungen und Misshandlungen seitens des Fürsten an. Er zeigt sich entrüstet darüber, dass er in der Rangordnung unterhalb des Rosses und des Jagdhundes steht.
Die Strophen drei und vier wenden sich ab von den psychischen und physischen Misshandlungen und konzentrieren sich auf die vom Bauern erwirtschaftete Ernte, die der Fürst gänzlich für sich beansprucht. Mit der Anapher „Mein, mein“ soll der Anspruch des Bauern auf seine Ernte verdeutlicht werden. Hier beklagt er sich nicht mehr, sondern der Bauer klagt direkt den Fürsten an.
In der letzten Strophe geht der Bauer noch ein Stück weiter und stellt die göttliche Bestimmung des Fürsten gänzlich in Frage. Dadurch hebt er die Standesunterschiede komplett auf und verlangt die Selbstbestimmung sowie die Freiheit.

„Der Bauer“ besitzt keine Reime und das Metrum ändert sich innerhalb des Gedichts, damit stellt sich Gottfried August Bürger klar gegen die Regelpoetik des Barock. Zu den wichtigsten rhetorischen Figuren zählen die Ellipse, die Anapher und der Parallelismus.

Form und Inhalt ergänzen sich, indem bei jeder Strophe ein anderer Vorwurf angesprochen wird, wie eine Liste, die immer schlimmere Vorwürfe hervorbringt.
Untersucht man den Text von Gottfried August Bürger auf die wichtigsten Merkmale des Sturm und Drang, stellt man fest, dass die Grundelemente vorhanden, aber noch nicht so extrem ausgeprägt sind. Die für den Sturm und Drang typische, übertriebene, sehr schwülstige Gefühlsdarstellung mit Begriffen wie Liebe, Herz und Gefühl fehlt diesem Gedicht aber. Die Natur wird am Rande erwähnt, spielt aber eine untergeordnete Rolle und ist noch durch die Einstellung der Aufklärung bezüglich der Natur geprägt, nämlich dass man sie kultiviert und wirtschaftlich nutzbar macht.
All die wichtigen Elemente des Sturm und Drangs sind ansatzweise vorhanden, aber noch nicht voll ausgeprägt. Dies spricht dafür, dass Bürger dieses Gedicht in den Anfängen des Sturm und Drangs geschrieben hat.

Verfasser/in hinauf

Daniel Forrer, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:

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