Cela Paul (1920-1970): Todesfuge (1952)

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Gedichttext hinauf

Paul Cela
Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Quelle:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Paul, Cela
Titel: Todesfuge
Thema: Krieg
Erscheinungsjahr: 1952
Zeilen: 36
Link: hier
Rezensent/in: Oliver Rhyner
Schwierigkeit: anspruchsvoll

Interpretation hinauf

Paul Celans (1920-1970) Gedicht „Todesfuge“ erschien im Jahr 1952 und ist wohl das popu-lärste und schwierigste deutsche Gedicht, das sich mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs auseinander setzt. Das Gedicht besteht aus sechs unterschiedlich langen Strophen (9/6/3/8/8/2 Verse), die auf 36 Zeilen verteilt sind. Das Versmass ist durchgehend unregel-mässig und es gibt nur einen einzigen Paarreim (blau-genau, Z. 30/31). Auffallend sind vier Charakteristika: eine vollständig fehlende Interpunktion, die vielen Anapher („wir trinken“, „er ruft“) und die sich in leicht abgeänderter Form wiederholenden Sätze, sowie der anspruchs-volle Schreibstil Celans. Aus der Sicht der namenlosen Opfer beschreibt er über das erbärmliche Leben der Juden un-ter in den Arbeitslagern des Nazi-Regimes, das er am eigenen Leibe mit erfahren hatte. So schreibt er zum Beispiel, wie die Juden hervor gepfiffen werden und von Hunden angetrieben ihr eigenes Grab ausheben müssen. Die Stimmung ist mit Hilfe von Wörtern wie „schwarze“, „Tod“ oder „Grab“ sehr düster gehal-ten und widerspiegelt eindrücklich, wie sich die Insassen gefühlt haben müssen. Ihr Elend und ihre Emotionen werden durch die Wiederholungen in Varianten zusätzlich verstärkt und mün-den in der Erkenntnis des Lesers, dass sich die Juden ihrem Schicksal ergeben haben und sich den Tod wünschen („schenkt uns ein Grab“). Bei der Betrachtung des Gedichts muss auf zwei Elemente speziell eingegangen werden: Ei-nerseits auf „schwarze Milch“ und andererseits auf den Titel. „Schwarze Milch“ stellt ein Oxy-moron dar, denn die Farbe Schwarz bedeutet Zerstörung, Unheil bzw. allgemein negative As-soziationen. Im Gegensatz dazu steht das Wort Milch für die Farbe Weiss und Weiss ist be-kanntlich für positive Assoziationen. Als einen Anhaltspunkt für eine Interpretation könnte die Tatsache, dass in einem jüdischen Sprichwort, bei dem der Glückspilz in Milch badete, dienen. „Schwarze Milch“ stände dann als Symbol für das Unglück der Juden. Untersucht man den Titel „Todesfuge“, erkennt man, dass Wort Fuge für eine spezielle Form der Musikkomponie-rung steht. Im Zusammenspiel mit dem Wort „Tod“ bekommt das Gedicht den schaurigen Anschein eines Klagelieds. Dies kann dadurch gestützt werden, dass alle Gedichte, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander setzten, verständlicherweise eine Anklage an das Geschehene beinhalten. Abschliessend lässt sich sagen, dass eine vollständige Interpretation des Gedichts zwar einige Zeit in Anspruch nimmt, dadurch wird jdem Leser die Bedeutung aber nochmals bewusster.

Verfasser/in hinauf

Main.Vorname Name, Neue Kantonsschule Aarau (Abteilung), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: Der Kanon, die deutsche Literatur, Klabund bis Klee (2005). Inselverlag, Frankfurt am Main, Seite 220.

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