Richard Dehmel (1863-1920): Der Arbeitsmann (1896)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar zuzweit,
und haben die Sonne und Regen und Wind,
und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
nur Zeit.

Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
mein Kind,
und über den Ähren weit und breit
das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn
, o dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
um so schön zu sein wie die Vögel sind:
nur Zeit.

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
wir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
als all das, was durch uns gedeiht,
um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
Nur Zeit!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Dehmel, Richard
Titel: Der Arbeitsmann
Thema: Arbeitsleben
Erscheinungsjahr: 1896
Zeilen: 21
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Rezensent/in: Lina Isenring
Schwierigkeit: leicht

Interpretation hinauf

Richard Dehmels (1863-1920) Gedicht «Der Arbeitsmann» (1896) handelt von den Klagen eines Arbeiters, welcher zwar alle seine materiellen Bedürfnisse befriedigen kann, aber einfach zu wenig Zeit hat in seinem Leben. Dehmel selbst war aber kein einfacher Arbeiter. Er studierte Naturwissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie. Er war ein sehr bekannter, aber nicht unumstrittener Dichter in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg (Naturalismus). «Der Arbeitsmann» ist ein einfaches, schlichtes Gedicht. Da es ursprünglich für die Arbeiter geschrieben wurde (wie auch andere Gedichte Dehmels, zum Beispiel «Maifeierlied» oder «Erntelied») ist es nicht verwunderlich, dass es leicht verständlich gedichtet wurde. Auffallend ist auch, dass keinerlei Fremdwörter vorkommen, welches es auch dem ungeübten Leser ermöglichen, das Gedicht zu verstehen. Dehmels «Arbeitergedichte» lösten bei den Arbeitern eine richtige Begeisterung aus und Dehmel Vorlesungen wurden immer Rege besucht. Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit je sieben Versen, der letzte Vers ist in allen drei Strophen identisch: «nur Zeit». Auch das Wort Vögel kommt auffallend oft vor (V6, 13, 20). Ebenso «Kind» (V.1, 9, 18) und «Weib» (V2, 18). Dehmel braucht ausserdem auch viele Wörter im Zusammenhang mit Zeit wie «Sonntags» (V 8) und «Ewigkeit» (V 17). Auf den ersten Blick scheint «Der Arbeitsmann» dem Muster eines Volksliedes zu folgen: Refrain, Wiederholungen. Aber schon beim Reimschema weicht Dehmel ab. Die erste und die dritte Strophen folgen dem Reimschema (abcacac), die zweite Strophe hingegen weisst im zweitletzten Vers eine Abweichung auf (abcacbc). Dehmel benutzt eine sehr bildliche Sprache mit vielen Begriffen aus der Natur um das Gedicht zu erzählen (Vögel, Gewitterwind, Ähren). Auch die Bedürfnisse des lyrischen Ichs sind naturalistisch. Weder politische noch soziale Probleme dominieren, sondern nur das Verlangen nach individueller Freizeit. Das «wir» vermittelt mir als Leser ein stärkeres Gefühl der Dazugehörigkeit und ich kann mich besser in die Lage des lyrischen Ichs versetzen. Es ist merkwürdig, dass Dehmel sein Gedicht nicht «Arbeiter» genannt hat, sondern einen weniger gebräuchliches Wort gewählt hat. «Der Arbeitsmann» ist auch heute noch in vielen Anthologien der Arbeiterlyrik zu finden. Allerdings gab es auch schon zu Dehmel Lebzeit viele Kritiker, welche ihm vorwarfen das Gedicht weise bloss Ansätze zum sozialistischen Denken auf, aber nicht mehr.

Thema/Schlagworte hinauf

Individuelle Bedürfnisse
Arbeiterleben
Natur

Verfasser/in hinauf

Lina Isenring , Neue Kantonsschule Aarau (4B), hat drei weitere Favoriten: * Erich Kästner: Jahrgang 1899

Quellen & Links hinauf

Hartung, H. (Hrsg) (1995). Gedichte und Interpretationen Band 5. Stutt-gart: Philipp Reclam jun. S. 53 ff.

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007