Joseph von Eichendorff (1875-1926): Abschied (1810)

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Gedichttext hinauf

Joseph von Eichendorff
Abschied (O Täler weit, o Höhen)

O Täler weit, o Höhen,
O schöner grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt!
Da draussen, stets betrogen,
Saus't die geschäft'ge Welt,
Schlag' noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen,
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben,
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.

Bald werd' ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde geh'n,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernst's Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: von Eichendorff, Joseph
Titel: Abschied
Thema: Abschied von der Heimat, Natur
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1810
Zeilen: 33
Link: hier
Rezensent/in: EvaHofmann
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Licht der Welt erblickt Joseph Karl Benedikt von Eichendorff 1788 auf Schloss Lubowitz. Er und seine Geschwister wachsen katholisch auf und geniessen zu Hause Privatunterricht. Die finanziellen Verhältnisse der Familie drängen den13-jährigen Joseph, eine Gewinn bringende Ausbildung anzugehen. Joseph studiert Jura und Philosophie, schauspielert, hält Freundschaften zu Dichtern, zieht in die Befreiungskriege und gründet eine Familie. Daneben verfasst er Erzählungen, Romane, Vorworte, Gedichte und andere literarische Werke. Im Alter von 69 Jahren erliegt er einer Lungenentzündung. Dank seinem literarischen Schaffen zählt von Eichendorff zu den wichtigsten Schriftstellern und Lyrikern des 19. Jahrhunderts. Er hinterlässt eine grosse Anzahl von Werken, von denen einige vertont wurden.

Das Gedicht „Abschied" entstand 1810 und fügt sich in die Epoche der Romantik ein. Der Epoche entsprechend wirkt die Sprache auf den Leser eher fremd. Die Distanz zwischen dem Leser und dem Gedicht beim historischen und kulturellen Betrachten ist nur gering. Denn jeder Mensch hat Zugang zu der Natur und ist vertraut mit ihr. Das Gedicht wirkt harmonisch, da das Reimschema, ein Kreuzreim, regelmässig ist. Zu Beginn jeder Zeile befindet sich ein Auftakt. Die Kadenz ist alternierend und der dreifüssige Jambus ist abwechselnd stumpf und klingend und unterstreicht damit den Reim. Zeilenstil und Enjambements sind zahlreich, weil sich die Satzglieder häufig über die Versgrenze hinaus fortsetzen.

Nach einem längeren Aufenthalt in seiner Heimat steht für von Eichendorff der Aufbruch in die Stadt Wien bevor, zu einer weiteren Studienzeit. Genauso trennt sich das lyrische Ich, ein naturliebender Mensch, von seiner ländlichen Heimat. Gefühle des Abschieds sind wichtige Elemente des Gedichtes. Sehnsucht, Melancholie und das Loslassen zählen dazu. Die Hauptfigur fühlt sich angenommen und wohlbehütet in der Natur respektive im Wald. Durch den Ausruf „du“ wird der Wald personifiziert, die Hauptfigur hat eine tiefe, persönliche Beziehung zum ihm. So fordert sie ihn auf, seine schützenden Arme (Äste, Blätter) um ihn zu legen. Das lyrische Ich weiss; sein Weg führt ihn in die rastlose und betriebsame Stadt. Sie steht im Gegensatz zur Natur. Die Hauptfigur beurteilt die Stadt nicht als eine mögliche neue Heimat, sondern sieht sich in Zukunft als Fremden und Einsamen. Dank der Gedanken und Erinnerungen an die Heimat wird sie das vor ihr liegende Stadtleben bewältigen und sich behaupten können.

Verfasser/in hinauf

Eva Hofmann, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat zwei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1:http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Eichendorff
  • Quelle 2:http://www.xlibris.de/Autoren/Eichendorff
  • Quelle 3:http://www.loge-zur-wahrheit.de/lieder/o_taeler_weit_o_hoehen.htm

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