Joseph von Eichendorff (1788-1857): Die zwei Gesellen (1822)

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Gedichttext hinauf

Joseph von Eichendorff
Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüstge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinn und Herz. -

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft' Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend' Sirenen, un zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still wars rings in der Runde,
Und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen -
Ach Gott, führ mich liebreich zu Dir!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Joseph von Eichendorff
Titel: Die Zwei Gesellen
Thema: Leben
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1818
Zeilen: 30
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Rezensent/in: Stephan Wespi
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das von Joseph von Eichendorff (1788-1857) geschriebene Gedicht „Die zwei Gesellen“ handelt von den Lebenswegen zweier jungen Männern, die losziehen in den „Frühling“(V. 5), um ihr Leben in vollen Zügen zu leben. In ihrem Unterfangen scheitern jedoch beide. Das lyrische Ich eröffnet einen dritten, göttlichen Weg, mit dem Leben umzugehen, um der Sehnsucht nach dem Fernen und Unbekannten nachzugehen (6.Strophe). Der erste der beiden Gesellen findet bald eine Frau, mit der er „Hof und Haus“ (V. 12) sowie einen Sohn bekommt. Er führt ein „behagliches“ (V. 15), häusliches Leben, welches in der 3. Strophe des Gedichts beschrieben wird. Der zweite hingegen hat zwei Strophen vom Dichter zugeschrieben bekommen, da dessen Leben etwas turbulenter abläuft. Er ist das pure Gegenteil zum ersten Gesellen. Ihn locken „tausend Stimmen“ (V.17), er erliegt den Versuchungen des Lebens. So auch den „Sirenen“ (V. 18), welche als Metapher für die Frauen zu verstehen sind. Doch dies ist kein Leben auf Zeit, „müde und alt“ (V.22) findet er sich wider. Auf einmal einsam realisiert er, dass er sich in den Verlockungen des Lebens verlaufen und keine persönliche Entwicklung vollzogen hat. Erst in der letzten Strophe meldet sich das lyrische ich persönlich, es bedauert die beiden Schicksale und bittet Gott (V. 30) um Beistand. Der streng gläubige Eichendorff selbst lebte weder nach dem einen noch nach dem anderen Entwurf. In seiner Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ zieht ein Geselle ohne besonderes Ziel hinaus in die Welt und findet nach einigen Verwirrungen doch sein Glück.

Das Gedicht besteht aus 6 Fünfzeilern welche jeweils in Kreuzreimen und umarmenden Reimen nach dem Schema ababba gedichtet wurden. Dem Rhythmus liegt ein 3- und 4-hebiger Jambus zu Grunde. In den Versen 3/4 wird mit Hilfe eines Enjambements (so jubelnd recht in die hellen, klingenden, singenden Wellen des vollen Frühlings hinaus) die Struktur kurz durchbrochen. „Die zwei Gesellen“ enthält wesentlichen Motive der Romantik: Tatendrang, Sehnsucht, Fernweh, passend zum Frühling als Jahreszeit des Aufbruchs.

Verfasser/in hinauf

StephanWespi, Neue Kantonsschule Aarau (Abteilung), hat drei weitere Favoriten:

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