-- AnneFlueckiger - 29 Oct 2006

Joseph von Eichendorff (1788-1857): Mondnacht (1835)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttexthinauf

Joseph von Eichendorff
Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus'.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Eichendorff, Joseph von
Titel: Mondnacht
Thema: Romantik, nächtlicher Friede, Heimat
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1835
Zeilen: 12
Link: hier
Rezensent/in: Anne Flückiger
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Man stelle sich einen Dichter vor, der nachts am Fenster sitzt, in die Ferne schaut und leise seufzt. Ein Dichter noch dazu, der in seinem Leben viel herumgekommen ist, der immer streng katholisch war, der einen langen Krieg erlebt hat, und der gerade erst in den Regierungsrat Berlins gewählt wurde. Diese Szene spiegelt Eichendorffs (1788-1857) Gedicht „Mondnacht“, ein Lied, das romantische wie auch klassische Elemente verbindet. Es erzählt von einem Kuss zwischen Erde und Himmel, von einer wunderschönen Mondnacht und von einer Seele, die fliegt, aber das Zuhause nicht erreichen kann, weil es nicht mehr ist.

Das Gedicht ist in drei Strophen à vier Zeilen organisiert, wobei jede Strophe einen Satz bildet. Alle Strophen weisen einen Kreuzreim mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz auf. Eichendorff arbeitet stark mit Personifikation wie auch mit Metaphern, wodurch das sonst eher abstrakte Gedicht für den Leser fassbar wird.

Der Himmel als Mann und die Erde als Frau, die sich sanft küssen, das könnte eine Darstellung der Liebe sein, gerade weil Eichendorff von einem Traum spricht und das herrlich kitschige Wort „Blütenschimmer“ erfindet. Auch die Romantik-typische Sehnsucht wird thematisiert, denn Himmel und Erde werden füreinander immer unerreichbar sein. Klarer scheint jedoch eine religiöse Sichtweise zu sein: Man könnte den Himmel als eine Allegorie für das Paradies ansehen, und die wunderschöne Nacht, die Eichendorff in der zweiten Strophe beschreibt, ist für ihn ein Teil des Paradieses, der durch den Kuss auf die Erde übertragen wurde. Als er in der ersten Strophe meint „dass sie im Blütenschimmer/von ihm nun träumen müsst“ meint er damit vielleicht nicht die Erde, die vom Himmel träumen müsst, sondern das religiöse Volk, das vom Paradies träumen müsst. Nach der Aufklärung wurde die Religion plötzlich neu definiert, und viele haben wohl den ehrlichen Glauben, den sich Eichendorff bewahrt hat, verloren. Dieser Ansatz führt auch gut in die dritte Strophe, in denen sich Eichendorff nach etwas sehnt, was nicht ist, einem Zuhause. Damit könnte er die Zeit vor der Aufklärung meinen, in der die Religion noch geschätzt wurde. Da diese Zeit nicht mehr ist, kann die Seele gar nicht wirklich „nach Hause“ fliegen. Dieser Wunsch nach Harmonie ist etwas sehr Klassisches, die Darstellung von Liebe und Sehnsucht und die schwere Melancholie, die dem Gedicht anhaftet, sind klar romantisch.

Verfasser/in hinauf

Main.Anne Flückiger, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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