Erich Mühsam (1878-1934): Der Revoluzzer (1907)

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Gedichttext hinauf

Erich Mühsam
Der Revoluzzer

War ein mal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Mühsam, Erich
Titel: Der Revoluzzer
Thema: Revolutionsbewegungen
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1907
Zeilen: 34
Link: hier
Rezensent/in: Nicolas Brunner
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

"Der Revoluzzer" ist ohne Zweifel eines der bekanntesten und erfolgreichsten Gedichte Erich Mühsams (1878 – 1934) und richtete sich gegen die Massenstreikdebatte der Sozialdemokratie. Obwohl 1907 geschrieben, kann das Lied dank seiner historischen Aktualität immer noch als zeitgemäss bezeichnet werden.
Erich Mühsam war bekennender Anarchist und wurde aufgrund seiner politischen Ideale 1933 von den Nationalsozialisten verhaftet und ein Jahr darauf im KZ Oranienburg ermordet.

In seinem Lied geht es um einen einfachen Lampenputzer, welcher sich, wie der Titel schon verrät, den Revolutionsbewegungen anschliesst. Obwohl nicht explizit darauf hingewiesen wird, warum er sich diesen Bewegungen anschliesst, erhält man den Eindruck, dass er sich nicht aus politischen Motiven dafür interessiert, sondern dass er vielmehr einfach „dabei“ sein will. Als allerdings andere Revolutionäre beginnen „seine“ Strassenlaternen auszureissen, um damit Barrikaden zu bauen, schleicht er weinend fort.

Mühsams Lied ist streng in acht Strophen mit jeweils vier Versen aufgeteilt, wobei es sich bei den letzteren jeweils um vierfüssige Trochäen handelt. Dabei bedient sich Mühsam ausschliesslich des Paarreimes: Die ersten zwei Verse einer Strophe weisen mit jeweils acht Silben eine weibliche Kadenz und der dritte und der vierte Vers mit jeweils sieben Silben eine männliche Kadenz auf. Weiter sind Enjambements (Zeilen 20/21 und 29/30) und einige rhetorische Figuren zu erkennen. Besonders häufig kommen Anaphern (Zeilen 7/8 und 28/29) und eine Ellipse (Zeile 3) vor, welche den trochäischen Aufbau unterstreichen.

Das Gedicht ist dank dieses logischen Aufbaus und dank Mühsams einfacher Sprache flüssig lesbar. Dieser „Fluss“ kann damit verglichen werden, wie der Lampenputzer vom „Strom“ der Revolution mitgezogen wird. Weiter entsteht durch den Einsatz von Paarreimen ein Gefühl der Einheit oder der Zusammengehörigkeit, welche wichtige Elemente der Revolutionsbewegungen darstellten. Ausserdem sind viele ironische Elemente erkennbar (z.B. in Zeile 10), wodurch klar wird, dass Mühsam sich von diesem Lampenputzer distanziert. Besonders deutlich wird dies auch durch den gewählten Titel, da der Ausdruck „Revoluzzer“ abwertend für Revolutionär steht.
Aus obengenannten Gründen muss man Mühsams Lied als humorvolle Kritik an der Sozialdemokratie verstehen, welche hier anhand eines zwiespältigen Mitläufers lächerlich gemacht wird.

Verfasser/in hinauf

Nicolas Brunner, Neue Kantonsschule Aarau (2005B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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