Johann Joachim Ewald (1727 - nach 1762): Der Schäfer zu dem Bürger (1757)

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Gedichttext hinauf

Johann Joachim Ewald
Der Schäfer zu dem Bürger

Du schläfst auf weichen Betten, ich schlaf auf weichem Klee;
Du siehest dich im Spiegel, ich mich in stiller See;
Du trittst auf Fusstapeten, ich tret auf sanftes Gras;
Dich tränken teure Weine, mich tränkt ein wolfeil Nass;
Du wohnst in bangen Mauern, ich wohn auf freier Flur;
Für dich malt Mengs und Oeser, für mich malt die Natur;
Du bist oft siech für Wollust, ich bleibe stets gesund;
Dich schützt für Geld ein Schweizer, mich schützt ein treuer Hund;
Du schlummerst ein bei Saiten, ich bei dem Wasserfall;
Du hörst Kastrat und Geiger, ich Lerch und Nachtigall;
Dein Auge sieht oft finster, das meine bleibet hell;
Dein Mägdchen glänzt von Schminke, mein Mägdchen glänzt vom Quell;

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Ewald, Johann Joachim
Titel: Der Schäfer zu dem Bürger
Thema: Natur und Haus
Gedichtform: Gedicht
Erscheinungsjahr: 1757
Zeilen: 14
Link: hier
Rezensent/in: BernhardFischer
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Über Johann Joachim Ewalds Leben ist nicht allzu viel bekannt. Sogar sein Todesjahr ist umstritten. Geboren wurde er 1727 in Berlin - Spandau und verbrachte später Zeit in Frankfurt und Potsdam, wo er unter anderem studierte. 1757 wurde er Hofrat beim Erbprinzen von Darmstadt - Hessen und schreibt in diesem Jahr sein Gedicht „Der Schäfer zu dem Bürger“. 10 Jahre später wandert er nach Rom und stirbt dort als Mönch. Jedoch behaupten viele, er sei in Nordafrika verschollen.

Ewald schreibt das Gedicht 1757, zur Zeit der Aufklärung. In dieser entwickelt sich in vielen Bereichen eine Form der Emanzipation. Der gemeine Bürger wird aufgefordert, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Das führt dazu, dass viele Autoren ihre Stellung in der Öffentlichkeit nutzen, um ihre ständekritischen Texte zu verbreiten. Für diese Äusserung gibt es verschiedene literarische Formen, von einem aggressiven, direkten Text bis zu einem sanften Text, der zum Denken anregen soll. Wenn man den Text von J.J. Ewald jetzt liest, dann merkt man, dass sein Text der letzteren Gattung entspricht.

Das ganze Gedicht besteht aus 12 Zeilen, die je einen Vergleich zwischen dem Leben eines Schäfers und dem eines besser gestellten Bürgers darstellen. Durch den Aufenthalt ab 1757 Am Hofe des Erbprinzen von Darmstadt – Hessen kennt J.J. Ewald den Lebensstil der Reichen und schreibt dieses Gedicht. Als LeserIn merkt man, dass der Schäfer durch den Gebrauch des Stilmittels Anapher (Du … Du … Du …, ich … ich … ich) versucht, den Bürger „anzuprangern“, und ihm zu zeigen, dass es nicht der Mensch durch sich höher gestellt wird, sondern ihn seine Besitztümer in diesen Stand erheben. Dies geschieht auf sehr höfliche Weise, indem der Schäfer den Bürger bloss auf diesen Umstand aufmerksam macht, anstatt in anzuklagen. Der Schäfer hat keinen all zu hohen Respekt vor dem Bürger, da er ihn mit „Du“ anspricht.

Auch formal möchte der Autor darauf aufmerksam machen, dass beide Menschen gleichgestellt werden sollen, indem ausnahmslos für beide Seiten je ein 3 füssiger Jambus verwendet wird. Der Paarreim deutet darauf hin, dass auch die unterschiedlichsten Menschen zueinander passen.

Der wohl wichtigste Aspekt der Deutung besteht in folgender Aussage: Der Mensch bleibt ein Mensch, er ist nicht von Natur aus höher einzustufen, als andere Artgenossen. Der Umstand, dass gewisse Personen mehr Bedeutung erhalten resultiert aus ihrem Umfeld, und ihrem Besitz, der sie immer wichtiger erscheinen lässt. Dies ist ein Fehler, denn alle Menschen sind von Grund auf gleich!!

Verfasser/in hinauf

BerhardFischer, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: Wikipedia
  • Quelle 2: "Deutsche Lyrik" H.-P. Brode
  • Quelle 3: TTS, Cornelsen

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-- BernhardFischer - 09 Dec 2006