Theodor Fontane (1819-1898): Die Brück' am Tay (1880)

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Gedichttext hinauf

THEODOR FONTANE
Die Brück' am Tay

"Wann treffen wir drei wieder zusamm?"
"Um die siebente Stund', am Brückendamm."
"Am Mittelpfeiler."
"Ich lösch die Flamm."
"Ich mit."
"Ich komme vom Norden her."
"Und ich vom Süden."
"Und ich vom Meer."

"Hei, das gibt ein Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein."

"Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund'?"
"Ei, der muß mit."
"Muß mit."
"Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand!"

*

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
übers Wasser hin "Ich komme" spricht,
"Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug."

Und der Brückner jetzt: "Ich seh' einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd alles an wie zum Heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, -
Und in elf Minuten ist er herein."

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: "Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie's auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück';
Ich lache, denk' ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab' ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein."

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh'
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel',
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

*

"Wann treffen wir drei wieder zusamm?"
"Um Mitternacht, am Bergeskamm."
"Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm."
"Ich komme."
"Ich mit."
"Ich nenn' euch die Zahl."

"Und ich die Namen."
"Und ich die Qual."
"Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei."
"Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand."

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: Die Brück' am Tay
Thema: Natur
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1880
Zeilen: 68
Link: hier
Rezensent/in: ManuelaMauchle
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Theodor Fontane(1819-1898) ist ein Vertreter des poetischen Realismus in Deutschland. Dieser Schreibstil befasst sich mit der Abbildung der Realität. Dies ist aber nicht ein blosses Abschreiben des Lebens, sondern eine künstlerische Wiedergabe der Realität(Fontane). Das soll heissen, dass beim poetischen Realismus nur einzelne Teile der Realität aufgegriffen und diese künstlerisch wiedergegeben werden.
Im dem Gedicht Die Brück’ am Tay von 1880 behandelt Theodor Fontane das Zugunglück vom 28. Dezember 1879 bei der Brücke Firth of Tay in Schottland. Aufgrund eines Sturmes und Hochwassers stützte die Brücke samt Zug in die Tiefe.
Die Naturgewalten stellt Theodor Fontane in seinem Gedicht in Form von drei Hexen dar. Eine für den Wind, eine für das Wasser und die letzte für das Feuer. Das Gedicht beginnt mit einem Dialog der drei Wesen, in dem sie über das bevorstehende Zugunglück reden. Nach diesem ungewöhnlichen Einstieg erfährt die Leserin in der ersten Strophe in welcher Situation man sich befindet. In der folgenden Strophe spricht der Brückner seiner Frau Mut zu. Strophe vier und fünf bringen den Übermut des Lokomotivführers gegenüber der Natur zum Ausdruck. In der fünften Strophe kommt es zum Höhepunkt. Das Unglück passiert, die Natur gewinnt über die Menschen. Ganz am Schluss führen die drei Hexen wieder einen Dialog, in dem sie ihr nächstes Unglück planen.
Die Brück’ am Tay ist eine Ballade. Sie beginnt mit dem Dialog der drei Hexen. Darauf folgen fünf Strophen an je acht Zeilen und zum Schluss sprechen die Hexen abermals miteinander. Der Anfang und das Ende haben kein eindeutiges Reimschema, die fünf Strophen sind regelmässig angeordnet und sind im Muster eines Paarreimes gehalten. Ein regelmässiges Metrum besitzt das ganze Gedicht nicht. Im Hauptteil berichtet ein verdeckter Sprecher über das Zugunglück. Das ganze Gedicht ist in einer einfachen Sprache geschrieben, enthält aber viele Symbole. Zum Beispiel stehen die Hexen, wie schon erwähnt, für die Naturgewalten, die Brücke für die Kraft der Menschen und der Christbaum für die Hoffnung.
Dieses Gedicht ist eine poetisch realistische Wiedergabe der Ereignisse vom 28. Dezember 1897. Theodor Fontane appelliert gleichzeitig an den Menschen, dass sie die Natur nicht unterschätzen sollen, denn der Mensch ist nicht so stark wie er immer meint auch mit den neuen Technologien wie die Eisenbahn nicht.

Verfasser/in hinauf

ManuelaMauchle, Neue Kantonsschule Aarau (2004D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: Wikipedia(22. Feb. 2007). Wikipedia Die frei Enzyklopädie. Gefunden am 25. Feb. 2007 unter http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Fontane
  • Quelle 2: Biermann, H.(1999). Texte, Themen und Strukturen. Berlin: Cornelsen Verlag

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-- ManuelaMauchle - 17 Oct 2006