THEODOR FONTANE (1819-1898): Die zwei Raben (unbekannt)

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THEODOR FONTANE
Die zwei Raben

Ich ging über's Heidemoor allein,
Da hört ich zwei Raben kreischen und schrein;
Der eine rief dem andern zu:
»Wo machen wir Mittag, ich und du?«

»Im Walde drüben liegt unbewacht
Ein erschlagener Ritter seit heute Nacht,
Und niemand sah ihn im Waldesgrund,
Als sein Lieb und sein Falke und sein Hund.

Sein Hund auf neue Fährte geht,
Sein Falk auf frische Beute späht,
Sein Lieb ist mit ihrem Buhlen fort, -
Wir können in Ruhe speisen dort.«

»Du setzest auf seinen Nacken dich,
Seine blauen Augen, die sind für mich,
Eine goldene Locke aus seinem Haar
Soll wärmen das Nest uns nächstes Jahr.«

»Manch einer wird sprechen: Ich hatt' ihn lieb!
Doch keiner wird wissen, wo er blieb,
Und hingehn über sein bleich Gebein
Wird Wind und Regen und Sonnenschein.«

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: Die zwei Raben
Thema: Vergessenheit
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1840er-Jahre
Zeilen: 20
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Rezensent/in: Nicholas Keller
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das realistische Gedicht „Die zwei Raben“ ist eine von Theodor Fontane (1819-1898) höchstwahrscheinlich in den 1840er-Jahren verfasste Ballade mit Paarreimen und männlicher Kadenz. Er liess sich dazu durch seine Erfahrungen und Erlebnisse in England und Schottland inspirieren, namentlich wahrscheinlich auch von der Sammlung „Minstrelsy of the Scottish border“ von Walter Scott. „Die zwei Raben“ berichtet von einem Wanderer, welcher durchs Moor marschiert. Dieses lyrische Ich tritt aber bald in den Hintergrund, als er auf zwei Raben aufmerksam wird. Diese fragen sich, was sie zu Mittag essen sollen. Der eine schlägt vor, sie könnten vom Ritter, welcher letzte Nacht im Wald erschlagen wurde, fressen. Nun stellen die Raben einige Überlegungen zu seinem Tod an. Sie stellen fest, dass der Ritter von seinem Hund, seinem Falken und seiner Liebsten verlassen wurde. Diese gehen alle neuen Beschäftigungen nach und kümmern sich nicht mehr um den Verstorbenen, obwohl dieser zu Lebtagen ein Ritter und somit wahrscheinlich ein Held war. Dies kritisiert die Gleichgültigkeit, welche oft schon bald nach dem Tod einer Person bei ihren ehemals Nächsten eintritt. Fontane prangert es an, dass die Toten so schnell in Vergessenheit geraten, da es respektlos ist von den Lebenden, einfach wieder in ihren Lebenstrott zurück zu kehren. Die Wichtigkeit des Ritters betont Fontane aber durch das häufige verwenden der Wörter „sein“ (V. 8-11, 19), „seine“ (V.14), „seinem“ (V.15) und „seinen“ (V. 13). Aus dem Tod entsteht jedoch auch wieder neues Leben. So wird aus den Haaren des Ritters das Rabennest gebaut, in welchem später wieder junge Raben und somit neues Leben heran wachsen kann. Auch dass die Raben vom Toten fressen, unterstützt diese Aussage. Denn ohne Nahrung kann kein Leben bestehen. Somit ermöglicht der Tote also neues Leben und hilft, bestehendes Leben zu erhalten. Die meist vierhebigen Verse beinhalten keine einheitlichen Versfüsse. Dies könnte das Gefühl unterstützen, dass nach dem Tod eines Menschen alles unordentlich zu und her geht. So hat es die Nächsten des Ritters (Hund, Falke, Liebste) in alle Himmelsrichtungen verschlagen. Die uneinheitlichen Versfüsse verstärken auch den Eindruck, dass dies ungeordnete Gedanken eines Raben sind. Fontane gibt mit diesem Gedicht dem Toten und somit auch allen anderen, welche sein Schicksal teilen, einen Platz, erwähnt und geehrt zu werden und hofft, dass dies auch von den andern Menschen wieder vermehrt geschieht.

Verfasser/in hinauf

Main.Nicholas Keller, Neue Kantonsschule Aarau (G 4A), hat drei weitere Favoriten:

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