Theodor Fontane (1819-1898): Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1889)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Thema: Realismus, Güte / Gerechtigkeit, Vorsorge
Erscheinungsjahr: 1889
Zeilen: 42
Link: hier
Rezensent/in: Lina Isenring
Schwierigkeit: leicht

Interpretation hinauf

Theodor Fontanes (1819-1898) Gedicht «Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland» (1889) handelt von einem grosszügigen Gutsherrn, welcher verstirbt. Da er aber weiss, wie geizig sein Sohn ist, sorgt er schon vorzeitig für seine Bauern und vor allem deren Kinder. Theodor Fontante war zuerst Apotheker, wie auch sein Vater, wechselte dann aber zum Journalismus. Unter anderem war er in England als Korrespondent tätig. Von Ribbeck ist ein preussischer Landjunker und Gutsherr des Dorfes Ribbeck. Er ist ein guter und grosszügiger Herr. Seine Bauern und ihre Kindern hat er gerne und tut ihnen Gutes, sichtbar am Beispiel des Birnbaums. Dabei behandelt er sie aber nicht von oben herab, sondern spricht sie in Dialektsprache an. Somit signalisiert er ihnen, dass er sich gleichgesetzt fühlt. Sein Tod bringt einen neuen Herrscher ins Land. Bei der Bevölkerung herrscht Unsicherheit darüber, was ihnen die Zukunft bringt. Dies kommt bei der Aussage der Kindern zum Ausdruck: «He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?» (V22). Doch der alte Ribbeck hat, wie es sich für einen guten Herrscher gehört, vorgesorgt. Er kannte seinen Sohn und wusste, dass dieser nicht so grosszügig sein würde wie er selber war. Mit dem Wunsch, eine Birne ins Grab gelegt zu bekommen, sorgte er für die Zukunft seiner Schützlinge. Das Gedicht ist in fünf Strophen aufgeteilt. Die erste und die dritte bestehen aus je zehn Versen, die zweite aus zwölf, die vierte aus acht und die letze nur aus zwei Versen. Das Gedicht ist im Paarreim geschrieben. Es hat einen sehr fröhlichen und unbeschwerten Unterton. Fontane spielt mit der Sprache, indem den alten Ribbeck Wörter in Schriftsprache wie auch in Dialekt verwenden lässt (Beer – Birn, Mädel – Dirn). Als Leser merkt man sofort, dass Ribbeck zwar aus gutem Hause kommt, das Herz aber auf dem rechten Fleck hat. Das Gedicht wirkt so sehr authentisch, auch wenn mancher Leser Mühe haben könnte mit der Mundart. Abschliessend kann man sagen, dass Fontanes «Herr von Ribbeck» die ideale Darstellung eines Herrschers ist und man nur hoffen kann, einem solchen eines Tages zu begegnen.

Schlagworte hinauf

Realismus
Güte / Gerechtigkeit
Vorsorge

Verfasser/in hinauf

Lina Isenring, Neue Kantonsschule Aarau (4B), hat drei weitere Favoriten:
* Erich Kästner: Jahrgang 1899

Quellen & Links hinauf

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007