Theodor Fontane (1819-1898): John Maynard (1885)

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Gedichttext hinauf

Theodor Fontane
John Maynard

John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich´s dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?"
"Ja,Herr. Ich bin."

"Auf den Strand! In die Brandung!"
"Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. - -

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

Quelle:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: John Maynard
Thema: Heldentum
Erscheinungsjahr: 1885
Zeilen: 62
Link: hier
Rezensent/in: Nicholas Keller
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Die 1885 in der „Berliner Bunten Mappe. Originalbeiträge Berliner Künstler und Schriftsteller“ erschienene Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane (1819- 1898) lässt sich dem Realismus zuordnen. Sie basiert auf einer wahren Begebenheit, welche sich in der Nacht vom 8. auf den 9. August 1841 abspielte. Dabei starben beim Brand des Seitenraddampfers Erie auf dem Erie-See die meisten der sich an Bord befindlichen Passagiere. Der Steuermann hingegen, welcher in Wirklichkeit Luther Fuller hiess, überlebte das Unglück.
Schon in der ersten Strophe wird der Tod John Maynards betont. Der Rest des Gedichts schildert, wie es zu seinem Heldentod kommen konnte. So beschreibt die zweite Strophe die friedliche Schiffsfahrt über den Erie-See und wie jedermann fröhlich John Maynard fragt, wie weit es denn noch sei bis zu ihrem Ziel. In der dritten Strophe jedoch folgt die katastrophale Wende, als das Feuer im Schiffsrumpf entdeckt wird. John Maynard hält aber im Qualm am Steuer aus und es gelingt ihm, die Schwalbe an den Strand zu bringen. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder ausser John Maynard überleben das Inferno. Die letzten zwei Strophen schildern nun die Beisetzung des Helden, welche alle Anwesenden sehr berührt.
Das Gedicht umfasst zehn Strophen unterschiedlicher Länge. Es besteht fast durchwegs aus Paarreimen. Die meisten Verse weisen eine männliche Kadenz auf. Fast alle, welche eine weibliche Kadenz aufweisen, befinden sich auf dem Wort Maynard. Dies möchte die Wichtigkeit, welche dieser Name in der ersten Strophe erhalten hat, etwas relativieren, indem er hier nicht noch weiter betont wird.
Das Gedicht lobt die Selbstlosigkeit Maynards. Er führt seine Pflicht, das Steuer zu bedienen, bis zum bitteren Ende aus. Sein Pflichtbewusstsein ist also grösser als die Angst vor dem Tod und geht sogar so weit, dass er sich für die andern opfert. Dadurch wird er zum beinahe vergötterten Helden. Dies zeigt sich schön an den Versen 5 und 6 / 60 und 61: „Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’, Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.“. Das Gedicht möchte uns mit der Geschichte John Maynards mit gutem Beispiel voran gehen und uns selber auch zu pflichtbewussterem uns selbstloserem Handeln auffordern.

Verfasser/in hinauf

Nicholas Keller , Neue Kantonsschule Aarau (G4A), hat zwei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/fontaneg2.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Fontane http://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007

-- NicholasKeller - 11 May 2007