THEODOR FONTANE (1804-1875): Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen? (1889)

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Gedichttext hinauf

THEODOR FONTANE
Würd' es mir fehlen, würd ich's vermissen?

Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen
(Es sind wieder Avancements gewesen).
Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule –
Alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt'
Und tät' von alledem nichts wissen,
Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen?

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: Würd' es mir fehlen, würd ich's vermissen?
Thema: Alltag
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1889
Zeilen: 14
Link: hier
Rezensent/in: Isabel Bolliger
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Fontane, am 30. Dezember des Jahres 1819 in Neuruppin geboren, war Apotheker und Schriftsteller und wird als der herausragende Vertreter des poetischen Realismus Deutschlands bezeichnet. Was sich auch deutlich an der werkimmanenten Kritik an Einzelpersonen, welche sich oft zu einer impliziten Gesellschaftskritik wandelt und an dem ironischen Humor abzeichnet.

Das Gedicht gehört zu Fontanes Spätwerk, lässt sich aber noch deutlich dem poetischen Realismus zuschreiben. Im Zentrum steht ein Individuum, welches wir in seiner von der Verstädterung beeinflussten Wirklichkeit erleben. Es schildert uns einen gewöhnlichen Morgen und obwohl es ein guter Morgen zu sein scheint, so unterscheidet er sich nicht von anderen. Die Tage wiederholen sich, sie sind berechenbar und langweilen das lyrische Ich. Würde es einen Tag verschlafen, wäre dies kein grosser Verlust. Die einzige Chance auf Veränderung bestünde darin, aus dem immerwährenden Zyklus auszubrechen. Und eine Möglichkeit wäre der Tod, sprich gar nicht mehr auf zuwachen. Es wird ja nichts Besseres mehr erwartet. Mut- und Hoffnungslosigkeit sind allgemein Bedrohungen, denen besonders der alternde Mensch ausgesetzt ist. Berücksichtigen wir, dass Fontane dieses Gedicht schrieb, als er auf sein siebtes Jahrzehnt zuging und kurz zuvor auch noch sein erster Sohn starb, so können wir das Thema von Entsagung und Resignation auch in seiner Alterslyrik nachvollziehen und das Gedicht dementsprechend biografisch deuten. Der Titel deutet schon auf ausgesprochene Interesselosigkeit des redenden, reflektierenden Ichs, das sehr leicht als Stimme des Autors zu identifizieren ist. Aber der ironische Unterton in dieser Frage, dieser Humor, angesiedelt zwischen Milde und Bitterkeit, ermöglicht die Distanz zu dem eigentlich Unerträglichen, bewahrt vielleicht sogar vor dem sofortigen Sprung aus dem Fenster.

Sprachlich ist das Gedicht eher einfach aufgebaut und besteht aus Paarreimen mit vorwiegend männlichen Kadenzen. Es ist leicht verständlich, besticht nicht durch grossartige Finessen, wirkt teilweise sogar gelangweilt heruntergeleiert. Dies deutet wiederum auf die Ausweglosigkeit, die Resignation des Erzählers.

Verfasser/in hinauf

IsabelBolliger, Neue Kantonsschule Aarau (Schülerin) hat drei weitere Favoriten:

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