Georg Heym (1887-1912): Der Krieg (1911)

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Gedichttext hinauf

Gerog Heym
Der Krieg

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.
In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.

Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne [ wimmert ] ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Heym, Georg
Titel: Der Krieg
Thema: Krieg
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1911
Zeilen: 45
Link: hier
Rezensent/in: Samuel Bürki
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Georg Heym wurde als Sohn eines Staats- und Militäranwalts 1887 geboren. Er war ein typischer Vertreter des Expressionismus. Heym starb schon sehr früh, weil er einem Freund das Leben retten wollte, im Jahr 1912. Doch schon nach seinem kurzen Leben gehörte er zu den grossen Dichtern der deutschen Sprache. Er lebte also in der Vorkriegszeit, in einer Zeit voller Kriesen, Spannungen und Ängsten vor dem bevorstehenden Krieg.

Das Gedicht ist eine Ballade mit klarer, regelmässiger Form und typischem erzählendem Charakter. Der Reim ist eben so regelmässig, immer aabb, also Paarreim. Die 4-hebigen Jamben mit Auftakt geben dem Gedicht einen klaren Rhythmus, der an Trommeln im Krieg erinnert und zusätzlich die unsichere Stimmung verschärft. Heym verwendet sehr viele kunstvolle und grausame Metaphern, die sehr gut die schreckliche Zeit des Krieges nachfühlen lassen. Das lyrische ich, „er“ ist eine Personifikation des Krieges und macht ihn noch unheimlicher und hinterlistiger als ich man vorstellen kann. Er wird als Teufel ähnliche Figur hingestellt, der alles zerstört und von böser Natur ist, der sogar Ketten mit Totenköpfen schwingt! Der Krieg schlief lang doch ist er jetzt aufgestanden aus der Tiefe. Er schluckt eine Stadt nach der anderen und alles wird still. Eine sehr eindrückliche Metapher finden wir Z.13. Sogar die weisen alten Männer haben Angst. Die gesamte Situation ist hoffnungslos, wenn sogar diese erfahrenen Leute keinen Ausweg mehr sehen. Ebenso eine Antithese auf Z.11. Die, die auf alle Situationen eine Antwort hatten kennen keine Antwort mehr! Die Leute können auf niemanden mehr zurückgreifen. Die Situation ist also völlig aussichtslos. Wiederum eine deutliche Metapher Z.45. Eine biblische Geschichte, von Sodom und Gomorra, wird thematisiert. Die beiden Städte wurden wegen ihrer ekelerregenden Sünden von Gott zerstört, wie die Stadt im Gedicht, die nur in Schutt und Asche hinter dem wütenden Krieg zurück bleibt.

Die rezeptionsgeschichtliche Deutung bringt hier einen klaren Ansatz. Es ist die Zeit des Expressionismus. Die Hauptthemen sind Krieg, Zerfall, Angst und Grossstadt. Diese Themen sehen wir auch ganz klar in Heyms Gedicht. Er gibt seinen Gefühlen vollen Ausdruck und man die Unruhen dieser Zeit förmlich spüren. Es wird geforscht für Kriegszwecke. Wenige Jahre nach dem Gedicht veröffentlicht Nils Bohr das erste Modell einer Atombombe. Dies bringt klar zum Ausdruck in welchen Zeiten Heym dieses düstere Gedicht geschrieben hat.

Verfasser/in hinauf

Main.Samuel Bürki, Neue Kantonsschule Aarau (2005b), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1:Wikipedia
  • Quelle 2:
  • Quelle 3:

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