GERHART HAUPTMANN (1862-1946): Abendstimmung (1893)

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Gedichttext hinauf

GERHART HAUPTMANN
Abendstimmung

Hin durch den Forst schießt eine weiße Schlange,
spitz ist ihr Haupt, ihr Schweif verweht im Wind;
darunter braust auf stählernem Gewinde
der Erdenpuls in nimmermüdem Gange.

Verschwunden ist sie tief im Forste lang,
stumm ragt die Kiefer, um die rote Rinde
spielt schon der Nachthauch, schweifen Nebel linde,
und Uhuschrei tönt ferneher und bange

Ein Tümpel liegt in weltvergessenen Träumen,
vom Frühlingsregen angefüllt, am Raine;
es spiegeln drin sich einsam Ost und West

Tiefblau der Ost steht über schwarzen Bäumen
Die Stirn geziert mit einem Demantsteine;
Der Westen prahlt mit fahlen Sonnenresten

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Hauptmann, Gerhart
Titel: Abendstimmung
Thema: Natur
Gedichtform: Sonett
Erscheinungsjahr: 1893
Zeilen: 14
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Rezensent/in: Julie Moreau
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Gerhart Hauptmann wurde am 15.November 1862 in Obersalzbrunn in Niederschlesien geboren. Er war ohne Zweifel der bedeutendste naturalistische Dichter. Eine ausschliessliche stilistische Zuordnung würde allerdings ignorieren, dass er auch klassische, romantische, symbolistische und impressionistische Elemente in seine vielseitige Dichtung mit einbezogen hat. In diesem Gedicht werden die eindrücklichsten Naturereignisse eines sich zu Ende neigenden Tages beschrieben. Das Gedicht beginnt mit einem Verstummen des Waldes, der sich mit dem Aufkommen der Nacht zu verdunkeln beginnt. Alles wird still und ruhig. Die weisse Schlange (V.1) verschwindet tief in der Erde des Waldes (V.4), der langsam von Nebeln umhüllt wird. Der Uhu deutet die Nacht an und ein Tümpel „schlummert“ friedlich und einsam im Walde (V.9). Im Tümpel spiegelt sich die Natur (V.11 „Ost und West“). Die Bäume im Osten beginnen zu dunkeln (V.11) wobei diese im Westen noch von Sonnenstrahlen berührt werden. Der Himmel scheint voller Sterne. (V.13) In Form eines Sonetts, bestehend aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, und im Versmaß eines sechshebigen Jambus baut sich das typisch naturalistische Gedicht auf. Die ersten zwei Quartette sind umarmende Reime (abba cddc), die darauf folgenden zwei Terzetten sind verschränkte Reime (abc abc). Gerhart Hauptmann drückte seine Gefühle, wie Einsamkeit und Angst in Vergessenheit zu geraten, anhand von Naturempfindungen aus. Dies ermöglichte ihm auf eine verschlüsselte Weise seine Empfindungen in etwas „Schönes“, nämlich der Natur wiederzugeben. Von blossem Auge her lässt sich sagen, dass das Metrum regelmässig ist. Doch beim Durchlesen hat mancher so seine Schwierigkeiten einen passenden Rhythmus zu finden. Der im Naturalismus typischen „Sekundenstil“ wurde im Gedicht „Abendstimmung“ angewendet. Dabei werden die kleinsten Bewegungen, Geräusche und optische Eindrücke „sekundenweise“ registriert. Gerhart Hauptmann machte sich dessen Gebrauch, um der Natur möglichst nahe zu kommen und sich so in Gedanken ein genaues Bild von seinen Naturempfindungen zu machen. Das Gedicht läuft in Gedanken wie ein Film ab, der mit der kommenden Nacht und dem Verschwinden der letzten Sonnenstrahlen zu Ende geht. Das Gedicht wirkt schwerfällig, etwas traurig und melancholisch. Ausschlaggebend für diese Behauptung sind die Wörter „verschwunden“ (V.5), „weltvergessen“ (V.9), „einsam“ (V.11) und „schwarzen Bäume“ (V.12). Anscheinend hatte Andreas Hauptmann ein starkes Bedürfnis seine Sozialempfindungen durch die Natur zu schildern, was aber typisch für die naturalistischen Lyriker war.

Schlagwörter

Naturempfindung
Einsamkeit
Abendstimmung

Verfasser/in hinauf Julie Moreau, Neue Kantonsschule Aarau (4B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1:http://www.debby52.ch/pages/page_dichter_gh_02.htm

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