Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Auf dem See (1789)

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Gedichttext hinauf

Johann Wolfgang von Goethe
Auf dem See

Und frische Nahrug, neues Blut
Saug' ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug', mein Aug', wa sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum, so gold du bist:
Hier auch Lieb' und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Auf dem See
Thema: Bootsfahrt
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1789
Zeilen: 20
Link: hier
Rezensent/in: Vivien Gnehm
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Auf dem See“ wurde 1775 von Johann Wolfgang von Goethe verfasst. Das hier vorliegende Gedicht ist jedoch eine überarbeitete Fassung aus dem Jahre 1789. Das Gedicht stammt aus der Zeit Sturm und Drang, in welcher die Fähigkeit zu fühlen und zu empfinden besonders im Mittelpunkt stand.

Goethe schrieb das Gedicht nach der Verlobung mit Lili Schönemann. Ihm wurde jedoch schnell bewusst dass die Beziehung wegen den familiären Hindernissen auf Dauer nicht bestehen kann. Mit dem goldnen Traum, der in der zweiten Strophe erwähnt wird, könnte die Beziehung von Goethe zu Lili gemeint sein. Das Gedicht kann als Reflexion seines damaligen Gemützustandes betrachtet werden. Das lyrische Ich ist also identisch mit dem Autor.

In dem Gedicht beschreibt das lyrische Ich eine Bootsfahrt. Auffallend dabei sind die positiven und detaillierten Impressionen der Natur, die der Bootfahrer anscheinend sehr geniesst. Goethe fühlt sich bei Mutter Natur geborgen. Die Wellen können als ihre Armen betrachten werden, die Goethe sanft (in seinem Kahn) schaukeln. Nichts scheint die Idylle Goethes zu trüben. Doch bei der zweiten Strophe droht das lyrische Ich einzunicken (Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?). Es wird immer wieder von „goldnen Träumen“ heimgesucht, die er jedoch energisch abweist, indem er darauf hinweist, dass auch in der Natur Lieb’ und Leben ist. In der dritten und letzten Strophe versucht der Autor wieder in die Hochstimmung der ersten Strophe zu finden. Ihm ist wohl bewusst, dass er sich mit dem „Traum“ auseinandersetzen, mit der Vergangenheit abschliessen sollte. Der Traum erinnert Goethe wohl an vergangene Zeiten (mit Lili Schönemann), die er nicht mehr geniessen kann. Stattdessen flüchtet er sich in die Natur. So versucht er umso mehr, die Natur so eindrücklich wie möglich mit Adjektiven wie „türmend“ oder „schwebend“ zu schildern. Auch macht Goethe Gebrauch einiger Personifizierungen wie z. B. „Weiche Nebel trinken“. Jedoch wirkt die dritte Strophe durch diese auffällige Beschreibung beinahe überladen.

Die erste Strophe besteht aus zwei Kreuzreimen (acht Zeilen). Das Metrum ist abwechlungsweise ein vier&drei-füssiger Jambus. Die zweite Strophe besteht aus einem Paarreim (vier Zeilen), das Metrum ist ein vierfüssiger Trochäus. Durch diese kurze Strophe drückt der Autor auch das Verlangen aus, dass er in diesem Moment nur die Natur geniessen will und sich mit nichts anderem beschäftigen möchte. Die dritte Strophe besteht wieder aus zwei Kreuzreimen (acht Zeilen), hier ist das Metrum aber durch einen dreifüssigen Trochäus bestimmt. Bei jeder zweiten Zeile wird der mittlere Trochäus durch einen Daktylus ersetzt. Dies führt automatisch zu einer fliessenden Sprechweise.

Verfasser/in hinauf

Vivien Gnehm, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

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