Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Gegenwart (1812)

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Gedichttext hinauf

Alles kündet dich an!
Erscheinet die herrliche Sonne,
Folgst du, so hoff ich es, bald.

Trittst du im Garten hervor,
So bist du die Rose der Rosen,
Lilie der Lilien zugleich.

Wenn du im Tanze dich regst,
So regen sich alle Gestirne
Mit dir und um dich umher.

Nacht! und so wär es denn Nacht!
Nun überscheinst du des Mondes
Lieblichen, ladenden Glanz.

Ladend und lieblich bist du,
Und Blumen, Mond und Gestirne
Huldigen, Sonne, nur dir.

Sonne! so sei du auch mir
Die Schöpferin herrlicher Tage;
Leben und Ewigkeit ists.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Gegenwart
Thema: Liebe
Erscheinungsjahr: 1812
Zeilen: 18
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Rezensent/in: Alessandro Beck
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

In J.W. Goethes (1749-1832) Liebesgedicht „Gegenwart“ geht es um die Sehnsucht des lyrischen Ich nach der „Gegenwart“ seiner Liebe, welche als wunderschön („Rose der Rosen“; „Lilie der Lilien“) und bezaubernd (3. Strophe) empfunden wird. Dabei vergleicht Goethe seine Geliebte mit einer „lieblichen, ladenden“ Sonne, die mit ihrem „Glanz“ sein Herz zu dunkler Stunde („Nacht“) erwärmt und damit „Schöpferin“ der verschiedensten Gefühle wie Liebe („Blumen“), Trost („Mond“) und Freude („Gestirne“) ist.
Das lyrische Ich sieht in diesen „herrlichen“ Gefühlen einen Sinn fürs „Leben“ und die „Ewigkeit“; allerdings zeigt die erste Strophe klar, dass es sich um eine Sehnsucht danach handelt und die Gegenwart seiner „Sonne“ momentan der Vergangenheit angehört. Doch das lyrische Ich gibt die Hoffnung nach einer baldigen Rückkehr dessen nicht auf (2./3. Zeile); immerhin denkt es in seiner Sehnsucht, im Sonnenaufgang (2. Zeile) eine Ankündigung einer Wiederkunft zu erkennen. Genauso wie die Sonne jeden Morgen aufs Neue erwacht, soll auch seine „Sonne“ zurückkehren. Hierbei muss man unbedingt darauf achten, dass mit „Sonne“ in der 2. Zeile die wirkliche Sonne gemeint ist, sich der Stern nachher aber immer auf seine Geliebte bezieht. Das lässt sich daran erkennen, dass das lyrische Ich die richtige Sonne aus der Distanz betrachtet („die [...] Sonne“), seine Geliebte aber stets direkt mit Wörtern wie „du“ und „dir“ anspricht.
Die häufig auftretende männliche Kadenz im Metrum unterstützt die Hoffnung nach einer möglicht baldigen Wiederkunft; die vielen Daktylen erhöhen das Tempo und zeigen die Ungeduld mit welcher das lyrische Ich darauf wartet. Am liebsten würde es sich wahrscheinlich jeden Moment zurück in die Gegenwart seiner Liebe stürzen, wenn es denn könnte.
Ansonsten lässt das Metrum keine Regel erkennen und Reime fehlen im Gedicht vollends. Vielmehr errinnert das Werk, welches aus sechs Strophen mit jeweils drei Zeilen aufgebaut ist, an ein gefühlsvolles Liebeslied, an eine Ode an seine Geliebte. Wahrscheinlich wollte Goethe mit diesem Gedicht seiner Geliebten mitteilen, wie sehr er jeweils ihre Nähe schätzt und wie gar alleine er sich fühlt, wenn sie nicht da ist. Überhaupt scheint Goethe in der menschlichen Liebe einen der Hauptsinne des Lebens gesehen zu haben, betrachtet man zum Beispiel schon nur die hohe Anzahl an Liebesgedichten, die er verfasst hat. „Gegenwart“ ist eines davon, und vielleicht auch eines der schönsten.

Verfasser/in hinauf

Alessandro Beck , Neue Kantonsschule Aarau (2004b), hat ein weiterer Favorit:

Quellen & Links hinauf

http://gutenberg.spiegel.de/goethe/gedichte/gegenwrt.htm

-- AlessandroBeck - 03 July 2007