JOHANN WOLFGANG GOETHE (1749-1832): Prometheus (1773)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

JOHANN WOLFGANG GOETHE
Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Diesteln köpft,
An Eichen dich und bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmer’s
Unter der Sonn’ als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusst’, wo aus, wo ein
Kehrte mein verirrtes Aug’
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen
Blütenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Geniessen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Diesteln köpft,
An Eichen dich und bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmer’s
Unter der Sonn’ als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusst’, wo aus, wo ein
Kehrte mein verirrtes Aug’
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen
Blütenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Geniessen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Prometheus
Thema: Auflehnung gegen Obrigkeiten
Gedichtform: unbekannt
Erscheinungsjahr: 1773
Zeilen: 58
Link: hier
Rezensent/in: Simone Berthet
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

In diesem Werk thematisiert Goethe vor allem das Motiv der Auflehnung gegen die Götter. Das Gegenüber des Prometheus, Zeus, wird direkt angesprochen: (V.1 f.). Zeus wird damit als der menschlichen Welt fern stehend beschrieben, Prometheus ist sein Gegenspieler („dein Himmel“, V. 1 – „meine Erde“, V.6). So kann Prometheus keinen Respekt mehr empfingen, er hat die Unwirksamkeit des Zeus erkannt (V. 39-42) und kennt die ihn bestimmenden Gesetzmässigkeiten: die „allmächtige Zeit“ (V. 44) und das „ewige Schicksal“ (V. 45), denen auch der Göttervater unterstellt ist (V. 46). Damit stehen Zeus und Prometheus auf einer Daseinsstufe. Prometheus war für die Stürmer und Dränger eine Identifikationsfigur: So wie sich Prometheus gegen die Götter auflehnt, so waren auch die jungen Dichter um 1770 gewillt, die weltliche und kirchliche Obrigkeit, vor allem aber die traditionellen literarischen Gepflogenheiten zu missachten. In der griechischen Mythologie hat Prometheus, hier das lyrische Ich, eine doppelte Funktion: Er bringt den Menschen das Feuer, welches er bei den Göttern gestohlen hat und er erschafft die Menschen. Prometheus, der Menschen „Nach seinem Bilde schafft“, zeigt sich dabei als Schöpfer. Als Schöpfer und Genie fühlten sich auch Goethe und die anderen Autoren aus diesem Kreis.

Goethe setzt sich in seiner Dichtung über alle Regeln einer normativen Poetik hinweg – Originalität ist das Schlagwort der Zeit. Das Gedicht „Prometheus“ ist in freien Rhythmen verfasst, ein durchgängiges Versmass ist also nicht vorhanden. Auch auf ein strenges Reimschema und einen einheitlichen Strophenbau verzichtet Goethe. Lediglich der Inhalt des Gedichtes und ein flüssiger Rhythmus halten die einzelnen Verse zusammen. Als Sprachmittel verwendet er Metapher (V. 51) und Enjambements.

Verfasser/in hinauf

Simone Berthet, Neue Kantonsschule Aarau (4A), hat drei weitere Favoriten:

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