Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): Unschuld (....)

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Gedichttext hinauf

Johann Wolfgang Goethe
Unschuld

Schönste Tugend einer Seele,
Reinster Quell der Zärtlichkeit!
Mehr als Byron, als Pamele,
Ideal und Seltenheit!
Wenn ein andres Feuer brennet,
Flieht dein zärtlich schwaches Licht;
Dich fühlt nur, wer dich nicht kennet,
Wer dich kennt, der fühlt dich nicht.

Göttin, in dem Paradiese
Lebtest du mit uns vereint;
Noch erscheinst du mancher Wiese
Morgens, eh die Sonne scheint.
Nur der sanfte Dichter siehet
Dich im Nebelkleide ziehn;
Phöbus kommt, der Nebel fliehet,
Und im Nebel bist du hin.

Quelle:

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Unschuld
Thema: Romantik
Gedichtform: Balade
Erscheinungsjahr:  
Zeilen: 16
Link:  
Rezensent/in: Yasmin Baumann
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Unschuld - Interpretation

Dieses wohl weniger bekannte Gedicht wurde von einem der wichtigsten Vertreter der Weimarer Klassik, von Johann Wolfgang Goethe (1749- 1832) verfasst. Das Erscheinungsjahr ist unbekannt, wobei der Inhalt sowie das Wort „Phöbus“ auf die Zeit um 1810 hindeuten. Die Klassik war geprägt durch Mass, Gesetz, Formstrenge und durch die ästhetische Erziehung. Weitere wichtige Begriffe waren die „schöne Seele“ und das Reich der Utopie, des ewig Wahren, Guten und des Schönen. Diese Abwendung von der Wirklichkeit diente zum Selbstschutz vor der Enttäuschung der damaligen von Gewalt und Krieg geprägten Zeit. Das lyrische Ich preist die personifizierte Unschuld im ganzen Gedicht an. In der ersten Strophe beschreibt der Erzähler die Unschuld als „schönste Tugend“ und sagt, dass sie sehr schnell fliehen kann, „sobald ein andres Feuer brennet“. Weiter sagt er, dass man sie nur fühlt, wenn man sie nicht kennt. In der zweiten Strophe erwähnt der Erzähler, wie sie im Paradiese noch mit den Menschen vereint lebte und wie sie heute noch mancher Wiese vor dem Morgenrot erscheint. Zum Schluss sagt er, dass nur der sanfte Dichter sie im Nebel ziehen sieht, aber wenn der „Phöbus“ kommt, dann ist auch dieser Nebel weg. Das Werk ist klar in zwei Strophen mit jeweils 8 Zeilen gegliedert. Das regelmässige Metrum besteht aus einem alternierendem 4-füssigen Trochäus. Das ganze Gedicht besteht aus einem Kreuzreim. Da die Unschuld besungen wird, deutet dies auf eine Liedform hin. Die wohl wichtigste rhetorische Figur ist die Personifikation der Unschuld. Dadurch wird die Unschuld für den Leser besser greifbar und es steigert dessen Identifikation mit der Unschuld. Weiter benützt der Autor bei „Dich fühlt nur wer dich nicht kennet,...“ die Antithese um wirklich klarzustellen, dass nur derjenige unschuldig ist, der die Unschuld nicht kennt. Die zwei letzten Zeilen sind durch die Ellipse gekennzeichnet. Durch sie wirkt der Leserhythmus abgehakter, welches dieses abrupte Fliehen der Unschuld unterstreichen soll. Das Gedicht bringt einen klaren Deutungsansatz hervor. Und zwar kommt Goethe zum Schluss, dass kein Mensch wirklich rein und unschuldig ist. Denn die Unschuld hört genau in diesem Zeitpunkt auf zu existieren, in dem der Mensch sich seiner Unschuld bewusst wird. D.h. sobald der Mensch weiss, was Unschuld bedeutet und dass er gegen sie verstossen kann existiert sie nicht mehr. Goethe deutet auf das Paradies hin, wo sie noch vorhanden war. Der Autor sagt, dass die „sanften“ Dichter manchmal ganz nah an die Unschuld herankommen. Das Thema dieses Gedichtes weist eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Heinrich Kleist’s Marionettentheater auf, dem etwas Ähnliches über den Verstand und die Vernunft gesagt wird. Das Wort „Phöbus“ ist ein weiterer Hinweis darauf, dass er sich auf Heinrich Kleist bezieht. Denn dies ist der Name der Monatszeitschrift von Heinrich Kleist. Nun erkennt man auch schnell die negative Kritik Goethes an der Monatszeitschrift, dass sie zu wenig mit Kunst zu tun hat, da dort die Unschuld sofort verschwindet.

Verfasser/in hinauf

Main.Vorname Name, Neue Kantonsschule Aarau (Abteilung), hat drei weitere Favoriten:

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