Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): WILLKOMMEN UND ABSCHIED (1771/1789)

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Gedichttext hinauf

Goethe
Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde !
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süssen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Willkommen und Abschied
Thema: Liebe
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1771
Zeilen: 32
Link: hier
Rezensent/in: AlexandraDoebeli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

„Willkommen und Abschied“ wurde von Goethe (1749-1832) verfasst. Entstanden ist es 1771, war prägend für den Beginn des Sturm und Drangs und begründete unter anderem den Ruf Goethes als Lyriker. Wie es der Epochenname schon erahnen lässt, sind Leidenschaft und Enthusiasmus von grosser Bedeutung. Dichter dieser damaligen Epoche verstanden es, sich übersteigerten Gefühlsausbrüchen hinzugeben, wie es in diesem Gedicht der Fall ist.
Das Gedicht handelt von einem nächtlichen Treffen zweier Verliebter in der Natur. Im Zentrum des Geschehens stehen die Gefühle des Protagonisten. Zu Beginn reitet der Protagonist heroisch durch die romantische Natur. Mit dem Eindunkeln wird die Natur zu einer geheimnisvollen und furchteinflössenden Gestalt. Doch umso fröhlicher wird des Helden Mut und sein Herz glüht voller Vorfreude. Beim Wiedersehen fühlt sich der Held überglücklich und schwelgt in dieser göttlichen Liebe, die er für seine Geliebte empfindet. Gegen Ende des Gedichtes wird der Protagonist jäh aus der Idylle gerissen. Er muss nun nämlich seine Geliebte verlassen, wodurch der beiden Glück getrübt wird. Ironischerweise bricht beim Abschied ein wunderschöner, romantischer Morgen über das Land herein, was ihn sein Schmerz nur noch unerträglicher erscheinen lässt.
In der Form einer Ballade wird dieses Gedicht in leidenschaftlicher Sprache wiedergegeben und zeigt äusserlich eine starke Gliederung in 4 Strophen. Das Reimschema (abab – Kreuzreim) sowie der regelmässige 4-füssige Jambus (mit alternierender Kadenz) verleihen dem Gedicht zusätzlich eine klare Struktur. Durch diese klare Strukturierung des Gedichtes kann der Ritt zu Pferde nachvollzogen werden. Der Rhythmus des Sprachflusses kann so als Galopp des Pferdes interpretiert werden.
Das Gedicht lässt seinem Leser grosse Deutungsfreiheit. Es beginnt in der Abenddämmerung und endet in der Morgendämmerung. Daraus könnte man eine verbotene Liebe erahnen, denn als die Gefahr kommt, wo man die beiden Liebenden sehen könnte, verlässt er sie wieder. Auffallend ist auch, dass die Natur jeweils einen Gegenpol zu den Emotionen des Helden bildet. Auf dem Höhepunkt seiner Gefühle befindet er sich nämlich in schwarzer Finsternis, Nebel verhüllt ihm die Sicht und „hundert schwarze Augen“ starren ihn aus der Dunkelheit an. Derselbe Gegensatz findet sich am Ende des Gedichts. Als er zu Tode betrübt die Geliebte verlässt und es ihm fast das Herz zerreist, da geht just in diesem Augenblick die Sonne auf. Dies könnte wiederum ein Anspiel auf die „verbotene“ Liebe sein. Die Natur verkörpert im gewissen Sinne die Gesellschaft, die sich gegen die Beziehung stellen würde.

Verfasser/in hinauf

Alexandra Döbeli, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

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