Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Der Zauberlehrling (1797)

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Gedichttext hinauf

Johann Wolfgang Goethe
Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Mine! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister."

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Der Zauberlehrling
Thema: Zauberei / Jung / Alt
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1797
Zeilen: 98
Link: hier
Rezensent/in: JessicaBandini
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Der Zauberlehrling wurde von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) im Jahr 1797 während des Dichterwettstreits zwischen ihm und seinem engen Freund Friedrich Schiller geschrieben. Dieses Jahr wird auch speziell als das Balladenjahr während der Klassik in der literarischen Geschichte bezeichnet. Es wurde 1897 von dem französischen Komponisten Paul Dukas unter dem Titel _L'Apprenti sorcier_ vertont und wurde zu seinem bekanntesten Werk. Davon inspiriert schuf Walt Disney den Zeichentrickfilm _Fantasia_ , indem Micky Maus die Rolle des Zauberlehrlings übernimmt.

In der ersten Strophe wird die Situation geschildert: Der Hexenmeister ist nicht da und der Zauberlehrling möchte seine eigenen Zauberkünste ausprobieren. So beginnt das Gedicht also mit einem scheinbar harmlosen Zauber, der dem Besen Wasser zu holen befiehlt. Der Besen gehorcht und läuft „blitzschnelle“ zum Fluss und holt Wasser. Nach dem zweiten Mal würde es dem Zauberlehrling eigentlich auch schon genügen, doch da bemerkt er, dass er vergessen hat, wie er den Besen wieder stoppen kann. Das Wasserniveau steigt im Haus und nun versucht der Zauberlehrling den Besen zu packen um ihn zu stoppen, doch er schafft es nicht. Nun greift er zur Gewalt und schlägt ihn mit einem Beil entzwei. Doch beide Hälften erheben sich und setzen ihre Prozedur fort. Der Zauberlehrling ist völlig verzweifelt und ruft nach seinem Meister, der zu dessen Glück auch in dem Moment zurückkehrt und den Besen mit einem Zauberspruch stoppt.

Das Gedicht ist in zwei verschiedene Strophenformen gegliedert. Die einen sind die erzählende Strophen (Kreuzreime) und dazwischen die anderen, die eher als Ausrufe des Zauberlehrlings dienen (mit dem Reimschema: abbcac) und auch als eine Art Refrain bezeichnet werden können. Im Allgemeinen besteht das Gedicht aus 4-füssige Trochäen, doch in den Ausrufen des Zauberlehrlings kommen in den ersten Versen auch 2-füssige Trochäen vor.

Eine mögliche Deutung ist, dass zum einen die Macht der Alten dargestellt wird. Schliesslich wird nur in wenigen Zeilen deutlich, wie der „alte Hexenmeister“ zurückkehrt und mit einem gekonnten Zauberspruch dem Chaos ein Ende setzt.

Eine andere mögliche Deutung des Gedichts ist, dass es die LeserInnen warnen will, etwas zu tun das sie nur halbherzig beherrschen. Weil der Zauberlehrling eben noch ein Lehrling ist, war er nicht in der Lage den Zauber korrekt zu beenden. Oder es will den LeserInnen zeigen, dass sie sich viel Unheil und böse Überraschungen ersparen, wenn sie bei ihren Handlungen voraus denken. Hätte nämlich der Zauberlehrling sich von Anfang überlegt, ob er auch den Gegenzauber kennt, wäre ihm da bereits aufgefallen, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht hat er ihn erst in seiner Panik vergessen und somit würde wieder die vorherige Deutung zutreffen: keine halben Sachen!

Verfasser/in hinauf

JessicaBandini, Neue Kantonsschule Aarau, 3D, hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- JessicaBandini - 23 Oct 2006