-- SabrinaSandmeier - 08 May 2007

Gottfried Keller (1819-1890): Abendlied (1888)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf Gottfried Keller
Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh,
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
von dem goldnen Überfluß der Welt!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Keller, Gottfried
Titel: Abendlied
Thema: Tod, Hoffnung
Erscheinungsjahr: 1888
Zeilen: 16
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Rezensent/in: Sabrina Sandmeier
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Gottfried Kellers (19.7.1819 – 15.7.1890) Gedicht „Abendlied“ entstand 1879 und wurde 1888 zum ersten Mal veröffentlicht. Es besteht aus 16 Versen, welche in vier Strophen unter-teilt sind. Jede Strophe besteht aus vier Versen in Blockreim. Die fünfhebigen Trochäen und die ausschliesslich männlichen Kadenzen tragen zur Aussage des Gedichts bei, einerseits schaffen die verwendeten Trochäen eine eher schwerfällige, traurige und langsame Atmo-sphäre, wohingegen die männlichen Kadenzen den Textfluss eher beschleunigen.
„Abendlied“ entstand in der literarischen Epoche des Poetischen Realismus, dessen typische Merkmale unter anderem „der Mensch in seiner natürlichen Gesellschaft“, „das menschliche Handeln unter dem Einfluss der Natur“ und „die gesellschaftlichen Zwänge und der Zufall“ sind.
Dieses Gedicht lässt sich am einfachsten durch die metaphorisch verwendeten Begriffe, wie z.B. „Abendlied“, „Wanderschuh“ oder „finstre Truh“ erschliessen. Jeder dieser Ausdrücke deutet bei genauerem Hinsehen auf den Lebensabend (Tod) hin, welcher auch sehr schön durch die immer wieder auftretende Augenmetaphorik hervorgehoben wird. Ausser den vor-handenen Metaphern enthält das Gedicht keine zusätzlichen sprachlichen Schwierigkeiten. Das Oberthema „Tod“ passt hervorragend in die vorliegende literarische Epoche, da der Tod überall in der Gesellschaftlichen und natürlichen Umgebung des Menschen vorkommt.
Ausserdem beschäftigt sich „Abendlied“ mit einem zweiten typischen Motiv des Poetischen Realismus nämlich dem Zufall. Das Gedicht spielt darauf an, dass man sein Leben geniessen soll, da man nie weiss, wann es zu Ende sein wird.
Der eher negativen Stimmung, welche vom Gedicht mehrheitlich verbreitet wird, stellt sich teilweise ein Positivismus gegenüber, welcher sich durch Formulierungen wie „freundlich“, „goldener Überfluss“ oder „dann hat die Seele Ruh“ äussert. Diese Kontroverse zwischen positiven und negativen Gefühlen wird zusätzlich vom verwendeten Versfuss und den männ-lichen Kadenzen unterstützt.

Verfasser/in hinauf

Sabrina Sandmeier , Neue Kantonsschule Aarau 4B, hat drei weitere Favoriten:

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