Franz Grillparzer (1791-1872): Der Halbmond glänzet am Himmel (1827)

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Gedichttext hinauf

FRANZ GRILLPARZER
Der Halbmond glänzet am Himmel

Der Halbmond glänzet am Himmel,
und es ist neblicht und kalt.
Gegrüßet sei du, Halber, dort oben,
wie du, bin ich einer, der halb.

Halb gut, halb übel geboren,
und dürftig in beider Gestalt,
mein Gutes ohne Würde,
das Böse ohne Gewalt.

Halb schmeckt ich die Freuden des Lebens,
nichts ganz als meine Reu;
die ersten Bissen genossen,
schien alles mir einerlei.

Halb gab ich mich hin den Musen,
und sie erhörte mich halb;
hart auf der Hälfte des Lebens,
entfloh'n sie und ließen mich alt.

Und also sitz ich verdrossen,
doch läßt die Zersplitterung nach;
die leere Hälfte der Seele
verdrängt die noch volle gemach.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Grillparzer, Franz
Titel: Der Halbmond glänzet am Himmel
Thema: Zweigeteiltheit
Erscheinungsjahr: 1827
Zeilen: 20
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Rezensent/in: Désirée Häfeli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

In Franz Grillparzers Gedicht „Der Halbmond glänzet am Himmel“ beschäftigt sich eine Person (lyrisches Ich) wehmütig mit den Leiden der Zweigeteiltheit seiner Seele und sehnt sich nach einer ungebrochenen innerlichen Einheit.

Grillparzer war Österreicher und lebte von 1791 bis 1872. „Der Halbmond glänzet am Himmel“ entstand im Jahre 1827 und kann der Epoche der Romantik zugeordnet werden. Die Ich-Spaltung, ein für die Spätromantik typisches Thema, ist in diesem Gedicht dominierend.

Das Gedicht zählt 5 Strophen mit 4 3-hebigen Versen. Es kommen männliche (mit Ausnahme der 2. Strophe) halbe Kreuzreime vor, jedoch sind diese teils unrein. Das Versmass ist nicht einheitlich. Auffallend sind aber die zahlreichen Daktylen, die das Gedicht prägen. Sie wirken wie ein Antrieb der Gedanken des lyrischen Ichs und gleichen das Fehlen von Enjambements (ausgenommen V.19) aus.

In diesem Gedicht dient die belebte Natur, wie in vielen romantischen Werken, als Spiegel der Seele (hier des lyrischen Ichs). Es grüsst den Halbmond (V.3), der am Himmel steht; wie der Mond ist auch die Innenwelt des lyrischen Ichs in zwei Teile gespalten (V.4). Die geschilderte Nacht ist „neblicht und kalt“, was auf eine nüchterne und nachdenkliche, jedoch nicht ganz klare (neblige) Gefühlslage des lyrischen Ichs schliessen lässt. In der 2. Strophe erkennt das lyrische Ich, dass es bereits seit seiner Geburt innerlich in Gut und Böse entzweit ist (V.5), jedoch keine der beiden Seiten vollkommen ausleben kann. Dazu fehlen ihm die zugehörigen, typischen Essenzen (V.7 „Würde“, V.8 „Gewalt“). Weiter berichtet das lyrische Ich, dass es sich nur immer halb an einer Sache freuen konnte (V.9). Sobald es etwas auszukosten begann, verflog die Freude und wurde durch Gleichgültigkeit ersetzt (V.11/12). Auch im Ausleben der Künste verhinderte die innere Entzweiung des lyrische Ichs dessen volle Erfüllung (3.Strophe). Da es sich nur halbwegs einer Sache hingeben konnte (V.13), schöpfte es seine Kreativität nie ganz aus. In der Hälfte seines Lebens verliessen es die Inspirationen dann endgültig (V.15/16). In der letzten Strophe beschreibt das lyrische Ich seinen Gefühlszustand: Es ist verärgert (V.17) über die fehlende Einheit seiner Seele und deren negativen Folgen in seinem Leben. Doch es scheint zu spüren, wie sich die „Zersplitterung“ (V.18) seines Wesens langsam auflöst, damit die „leere Hälfte der Seele“ (V.19) den Platz der bereits „vollen“ (V.20) und ausgeschöpften einnehmen und zu etwas Einheitlichem auswachsen kann.

Verfasser/in hinauf

Désirée Häfeli, Neue Kantonsschule Aarau (4A), hat drei weitere Favoriten:

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