---+++ Günter Grass(gebohren 1927): Hochwasser (1956)

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Gedichttext hinauf

Günter Grass:
Hochwasser

Wir warten den Regen ab,
obgleich wir uns daran gewöhnt haben,
hinter der Gardine zu stehen, unsichtbar zu sein.
Löffel ist Sieb geworden, niemand wagt mehr
die Hand auszustrecken.
Es schwimmt jetzt Vieles in den Strassen,
das man während der trockenen Zeit sorgfältig verbarg.
Wie peinlich des Nachbarn verbrauchte Betten zu sehen
Oft stehen wird vor dem Pegel
und vergleichen unsere Besorgnis wie Uhren.
Manches lässt sich regulieren.
Doch wenn die Behälter überlaufen, das ererbte Mass voll ist,
werden wir beten müssen.
Der Keller steht unter Wasser,
wir haben die Kisten hochgetragen
und prüfen den Inhalt mit der Liste.
Noch ist nichts verloren gegangen. -
Weil das Wasser jetzt sicher bald fällt,
haben wir begonnen Sonnenschirmchen zu nähen.
Es wird sehr schwer sein, wieder über den Platz zu gehen,
deutlich, mit bleischwerem Schatten.
Wir werden den Vorhang am Anfang vermissen
und oft in den Keller steigen,
um den Strich zu betrachten,
den das Wasser uns hinterliess.

Quelle:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Grass, Günter
Titel: Hochwasser
Thema: Schuld
Gedichtform: k.A.
Erscheinungsjahr: 1956
Zeilen: 25
Link: hier
Rezensent/in: Günter Zumbach
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Mit seinem 1956 entstandenen Gedicht „Hochwasser“, liefert Günter Grass ein für ihn typisches Werk deutscher Nachkriegsliteratur. Ermahnend und moralisierend, kämpft er darin gegen das Vergessen vergangener Untaten der deutschen Gesellschaft während des zweiten Weltkriegs an und erschafft so einen, von einer schamerfüllten Atmosphäre beherrschten Text. Reimlos und ohne festes Metrum, doch dafür von Metaphern durchtrieben, beschreibt „Hochwasser“ die Situation der deutschen Gesellschaft nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Das Hochwasser ist der Krieg selbst, der ans Tageslicht spülte, was das Deutsche Volk mit seiner Gefolgschaft der Nazis konkret anrichtete. Wer zuvor noch Gutes hinter dem Nationalsozialismus vermutete, der sah nun seine Schandtaten immer weniger kontrollierbar („manches lässt sich regulieren“) und unwiderruflich im sinnbildlichen Wasser schwimmen. Noch musste man seine Taten nicht gegenüber der Gesellschaft verantworten. Es war ja Krieg und man verschanzte sich zu Hause hinter den Gardinen. Seine Fehler hielt man wie in Kisten verpackt im Verborgenen. Doch schon bald würde sich die Situation ändern. Schon bald wird aus dem Löffel ein Sieb werden, wie es im Gedicht heisst. Der Krieg wird zu Ende gehen. Alle Anzeichen standen dafür (vgl. das Sinken des Wasserpegels). Man begann sogar schon mit den Vorbereitungen, was mit dem Nähen der Sonnenschirmchen beschrieben wird. Und so fürchten sie den „bleischweren Schatten“ (ein gegen Ende des Gedichts auftretendes Oxymoron), die auf der Seele wiegende Schande, mit der sie nach dem Krieg durch das Leben gehen müssen. Sie werden noch oft an das Vergangene zurücksinnen („in den Keller steigen), an den Krieg denken und die Verborgenheit, die er bot, vermissen.
Günter Grass selbst war während des zweiten Weltkriegs ein Anhänger des Nazi-Regimes und gegen Ende sogar ein Mitglied der Waffen-S S. Während er aus seiner Sympathie zu den Nationalsozialisten nie ein Geheimnis machte, so machte er seine SS-Mitgliedschaft erst im hohen Alter publik. Auch er selbst fürchtete also den Gang mit „bleischweren Schatten“ und hielt gewisse Dinge lieber im Keller verborgen. Schliesslich kam er jedoch der Forderung seines Gedichts nach und stand aus eigenem Willen zu seinem Fehler, der für so viele Jahre in der Kiste lag.

Verfasser/in hinauf

GuenterZumbach, Neue Kantonsschule Aarau (2003c), hat drei weitere Favoriten, die von der Thematik her mit "Hochwasser" vergleichbar sind:

Quellen & Links hinauf

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-- GuenterZumbach - 30 Oct 2006